158 V. Kapitel. Das Verhältnis der prälogischen Geistesart zur Zählung.
wird. Doch die Operationen, selbst die einfachsten der Addition und
der Subtraktion, gehen dann wohl über ihren Horizont? — Nein;
diese Operationen finden statt. Das prälogische Denken geht hier
(wie in seiner Sprache im allgemeinen) auf konkrete Weise vor. Es
nimmt seine Zuflucht zur Vorstellung der Bewegungen, die zum ursprünglichen
Ganzen Einheiten hinzufügen oder solche von ihm wegnehmen.
Es besitzt so ein Werkzeug, das unvergleichlich ohnmächtiger
und verwickelter ist als die abstrakten Zahlen, das ihm jedoch die
einfachen Operationen erlanbt. Es verbindet Bewegungen und Körperteile,
die an diese Bewegungen gebunden sind, in einer von vornherein
geregelten Folge nacheinander mit bestimmten Gesamtheiten
(totalit6s), so daß es im Bedarfsfalle jede von diesen wiederfinden
kann, indem es die Reihe von Anfang an wieder ablaufen läßt. Es
sei etwa der Tag festzusetzen, an dem sich eine große Anzahl von
Stämmen zur gemeinsamen Feier gewisser Zeremonien zusammenfinden
muß: dies wird in mehreren Monaten sein, weil es viel Zeit braucht,
damit alle Beteiligten benachrichtigt werden und sich an den verabredeten
Ort begeben können. Wie stellen sich die Australier dazu
an? Man könnte das Resultat durch Zählen der Etappen der Reise,
die zu machen sind, oder der Anzahl der Monde erhalten. Wenn
die zu berechnende Zahl groß war, so nahm man seine Zuflucht zu
den verschiedenen Körperteilen, deren jeder seinen Namen und eine
auf Übereinkommen gegründete Stellung bei dieser Zählungsmethode
hatte. Ebensoviele auf diese Weise aufgezählten Körperteile, vom
kleinen Finger an gerechnet, sollten je nach den Umständen ebensoviele
Etappen ‚oder Tage oder Monate andeuten. (Man geht zuerst
die eine Seite des Körpers durch, dann, wenn es notwendig ist, die
andere.) Howitt macht mit Recht darauf aufmerksam, daß »diese
Methode jener Meinung definitiv allen Wert raubt, nach der sich der
Mangel an Zahlworten in den Sprachen der australischen Stämme
davon herleitet, daß sie unfähig sind, den Begriff einer über zwei,
drei oder vier hinausgehenden Zahl zu fassen«.1!)
Woraus erklärt sich tatsächlich dieser Mangel, wenn nicht aus
dem eigentümliehen Verhalten der prälogischen Geistesbeschaffenheit?
Wir finden wirklich fast überall da, wo sich diese Armut an Zahlworten
findet — eine Armut, die nach unserem Dafürhalten damit
zusammenhängt, daß sich die Zahl von dem Gezählten nicht differenziert
— das Verfahren der konkreten Zählung. Auf den Murrayinseln
(Meerenge von Torres) sind die einzigen Zahlen der Eingeborenen
netat — 1 und neis — 2. Darüber hinaus verfahren sie beim Zählen
durch Verdoppelung, z. B. neis netat — 2.1==3; neis neis= 2,2—4
ete., oder indem sie sich auf irgendeinen Körperteil beziehen. Diese letzte
Methode ermöglicht es ihnen, bis 31 zu zählen. Man beginnt bei
dem kleinen Finger der linken Hand, dann geht es zu den Fingern,
1) Australian message sticks and messengers. J, A.I. XVII, p. 317—319.