Vorbemerkungen des Herausgebers
; XI
(S. 326 ff.). Er weist darauf hin, daß bei den ganz Primitiven das
individuelle Bewußtsein mit dem kollektiven Bewußtsein aufs engste
solidarisch verbunden bleibt... Erst später, wenn das menschliche Individuum
zum Bewußtsein seiner selbst als eines Individuums kommt,
wenn es sich von der Gruppe, der es. sich zugehörig fühlt, ausdrücklich
unterscheidet, dann beginnen ihm auch die äußeren Wesen und
Gegenstände als mit individuellen Seelen oder Geistern ausgestattet zu
erscheinen. Der Verfasser bemerkt ferner sehr richtig, daß das individuelle
Bewußtsein, sobald. es sich selbst zu erfassen beginnt, nunmehr
auch die Individuen in den umgebenden Wesensgruppen als
solche zu erkennen vermag. Er hat also die Bedeutung ‚des Indivi-Aualisierungsprozesses
für die Erkenntnisentwicklung wenigstens angedeutet
und das ist schon sehr viel. .
Levy-Brühl sucht dann zu zeigen, wie mit dem allmählichen
Schwinden der mystischen Partizipationen die objektiven Merkmale
der Dinge für den nunmehr von den Gefühlen etwas mehr losgelösten
und darum erstarkten Intellekt mehr Interesse gewinnen. Der Mensch
wird dadurch der Erfahrung zugänglicher und zugleich für den
Widerspruch empfindlicher. Mrotzdem aber .- bleibt auch bei fortgosetzter
Intellektualisierung ein irrationaler Bestandteil wirksam und
schon um diesen in seiner mystischen und prälogischen Eigenart zu
begreifen, ist es lohnend, ja notwendig, die Mentalität der Primitiven
umgehend zu studieren. Der Verfasser schließt dann mit einem
bedeutsamen Ausblick: »Und wenn es wahr ist, daß unsere geistige
Aktivität logisch ‚und prälogisch zugleich ist, so kann von nun an
auf die Geschichte der religiösen Dogmen und .der philosophischen
Systeme ein neues Licht fallen.«
Dieses letzte Kapitel, das für den Aufbau einer neuen Erkenntnistheorie
soviel zu versprechen schien, enthält also, wie man sieht,
nicht eigentlich Tatsachen und Lösungen, sondern Andeutungen
und Probleme. Der Verfasser hatte sich eben nur die Aufgabe gestellt,
den Geist_der Primitiven in seiner _Wesensverschiedenheit , von
dem unseren klar und deutlich darzustellen und wollte offenbar nur
ganz kurz auf den Weg hinweisen, der von ihnen zu uns geführt
hat. Hier hat er nun allerdings bloß einige Marksteine gezeigt, die
Strecken aber, die zwischen diesen liegen, fast ganz im Dunkeln
gelassen.
Wir sind nun inzwischen etwas weiter gekommen und ich glaube
bereits heute zur Ausfüllung der vom Verfasser leer gelassenen Lücken
einiges beitragen zu können. ')
Levy-Brühl hat deutlich erkannt, daß uns. der ganze primitive
Mensch überall auf der Erde als ein sozial gebundenes’ Herden-2
1) Da mir die in Frankreich publizierte Literatur seit dem Jahre 1914 nicht
zugänglich war, &0 weiß ich natürlich nicht, ob Levy-Brühl selbst. oder andere
Mitglieder der französischen Soziologenschule nicht inzwischen auf diesem Gebiete
weitergearbeitet haben.