XIV
Vorbemerkungen des Herausgebers
tier entgegentritt. Die Seele des Einzelnen ist ganz ausgefüllt. von
»Kollektivvorstellungen«, in denen die emotionalen und die
motorischen Elemente integrierende Bestandteile bilden, hinter denen
die objektiven Merkmale der Dinge stark zurücktreten. Der Einzelne
hat auf dieser primitiven Entwicklungsstufe keinen Anlaß, keine
Neigung und vor allem noch nicht die Fähigkeit, sich gegen diese
mystischen ‚und prälogischen Kollektivvorstellungen und gegen die
darin enthaltenen Forderungen, die ihm mit zwingender Autorität
auferlegt werden, irgendwie: aufzulehnen oder sie nur einer Kritik zu
unterziehen, Jeder fühlt .sich eben bloß als ein Teil, als ein Glied
der Gruppe und noch nicht als selbstbewußte, eigenkräftige, von der
Gruppe unterschiedene oder gar unabhängige Persönlichkeit. X Das
ganze vorliegende Buch ist eine überaus lebendige und eben darum
höchst lehrreiche Darstellung dieses Zustandes der sozialen Gebundenheit
und der damit‘ verknüpften Art der Geistesbetätigung. Darin
liegt die große Bedeutung: des Werkes für den Aufbau einer positiven,
einer genetischen und einer soziologisch fundierten Erkenntnistheorie.
Der feste Ausgangspunkt ist damit gefunden.
Der Verfasser weiß aber auch,:daß die allmählich eintretende
Individualisierung der Geister die Herausbildung des individuellen
Selbstbewußtseins einen wichtigen Schritt auf dem Wege zur
Höherentwicklung bedeutet. Er hat uns aber nicht gesagt, durch
welche Veränderung der sozialen Struktur sich diese Individualisierung
vollzieht und auch nicht, was diese soziale Differenzierung für die Ausbildung
des Intellekts bedeutet.
Nun habe ich selbst schon in dem oben erwähnten Aufsatze in
der »Zukunft«, ausführlicher und gründlicher jedoch.in dem für die
letzte“ Auflage meiner »Einleitung in die Philosophie« (1919) neu
verfaßten Kapitel »Soziologische Grundeinsichten« (S. 286—317)
darauf hingewiesen, daß die Ausbildung selbständiger und eigenkräftiger
Persönlichkeiten eine Folgeerscheinung der sozialen Differenzierung
ist, die hauptsächlich durch die schon recht früh einsetzende
und dann immer weiter fortschreitende Teilung der Arbeit
hervorgerufen wird. Auf diesem Wege gelangen die Menschen von
selbst dazu, ihre Aufmerksamkeit auf ein engeres Gebiet zu konzentrieren.
Dadurch erfahren sie viele ganz neue Dinge, von denen
die Kollektivvorstellungen, d.h. die überlieferten Deutungsarten ihrer
Sinneswahrnehmungen nichts enthielten. So lernt der Schmied immer
neue Eigenschaften der Metalle, der Weber neue Eigentümlichkeiten der
Woillfäden kennen. Erst jetzt werden‘ die Menschen dazu fähig, die
einzelnen Tatsachen rein objektiv zu betrachten und für ihre
Arbeit zu verwerten. Dadurch aber erfährt der Intellekt eine
wesentliche Stärkung gegenüber den im Zustande der ‘sozialen Gebundenheit
vorherrschenden affektiven und emotionalen Elementen
und so vollzieht sich zugleich mit der durch die Arbeitsteilung eingeleiteten
Verselbständigung des Einzelmenschen und mit seiner immer