Vorbemerkungen des Herausgebers XV
größer werdenden Unabhängigkeit von der Überlieferung auch eine
Intellektualisierung: der Seele. Die soziologische Betrachtungsweise
lehrt uns also, ' daß der Menschengeist keineswegs von allem
Anfang ‚an eine: logische Struktur. besaß,. die in ihrem zeitlosen
und unveränderlichen Bestande jeder Erfahrung und jeder Erkenntnis
ihr Gepräge aufdrückt oder gar, wie sich die Aprioriker ausdrücken,
erst Erfahrung möglich macht. Wir haben im Gegenteil erst langsam
und allmählich theoretisch denken gelernt und erst dadurch ist
lie Wissenschaft möglich und wirklich geworden...
Der: Prozeß der sozialen Differenzierung und die daraus hervorgegangene.
Herausbildung selbständiger Persönlichkeiten hat aber
noch ganz andere für die Entwicklung der Erkenntnis überaus bedeutsame
Folgen gehabt. Zunächst ist durch die fortschreitende Individualisierung
das seelische Inventar der Menschheit in einem
kaum hoch genug einzuschätzenden Maße bereichert. worden. Der
Mensch »ward reich durch Schätze, die lange Zeit sein Busen ihm
verschwieg«.”"Indem der einzelne Mensch mit seinen eigenen Augen
sehen und mit seinem eigenen Kopf denken lernte, entdeckte er um
sich und. namentlich in sich fortwährend neue Welten. Indem sein
Geist nicht mehr ganz ausgefüllt ist vo% den »Kollektivvorstellungen«,
zitiert er die Glaubenssätze, die Sitten and Bräuche, besonders aber
die Rechtsordnungen vor das Forum seiner eigenen frei und stark
gewordenen Vernunft und seines dadurch verfeinerten Gewissens, Ich
habe diesen für die politische und für die wirtschaftliche Entwick-Jung
überaus wichtigen Prozeß als die individualistische Entwicklungstendenz
bezeichnet und dargelegt, welch bedeutsame
Folgen dieser Befreiungskampf des Individuums hatte, den: wir
durch mehrere‘ Jahrtausende hindurch in der: Geschichte verfolgen
können.
Für eine künftige soziologisch orientierte Erkenntnistheorie ist
jedoch eine andere Grundeinsicht besonders wichtig, die ich in den letzten
Jahren gewonnen und an der oben angegebenen Stelle meiner »KEinleitung«
dargelegt habe. Die individualistische‘ Entwicklungstendenz
führt zum Universalismus und zum Kosmopolitismus. Dieser
Übergang vollzieht sich, wie ich nachgewiesen zu haben glaube, mit
psychologischer Notwendigkeit, ist aber überdies als historische
Tatsache vielfach bezeugt. Aus dem erstarkten Selbstbewußtsein‘
des Einzelmenschen und der damit verbundenen Loslösung vom
engeren Verbande des Stammes, .des Staates und der Nation ist die
Idee der ganzen Menschheit als einer großen Einheit und der
Gedanke der allgemeinen Menschlichkeit hervorgegangen. Der
eigenkräftig gewordene Einzelmensch wird immer stärker von der Überzeugung
durchdrungen, daß das, was er in seinem Innern wahrnimmt,
nichts anderes sein kann, als die Stimme der allgemein menschlichen
Vernunft, des in jeder Menschenbrust wirksamen” Gefühls, des für
alle gültigen menschlichen Gewissens. Daraus erklärt sich erst. der