Mystische Kraft der Zahlen,
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die Zahl Drei diesen Nimbus besessen hat. Die Erklärung Useners
kann dennoch nicht als vollkommen befriedigend akzeptiert werden.
Erstens finden wir tatsächlich nirgends, daß die Zählung bei. drei
stehen bleibt. Selbst in den Gesellschaften (Australien, Meerenge von
Torres, Neu-Guinea), die bloß für die Zahlen Eins, Zwei und manchmal
Drei Zahlworte haben, hat die prälogische Geistesart Verfahren ausfindig
gemacht, die ihr gestatten, weit darüber hinaus zu zählen. Drei
ist nirgends eine »letzte« Zahl. Außerdem aber bleibt die Reihe der
benannten oder verwendeten Zahlen niemals deutlich bei einer bestimmten
Zahl stehen, die ausdrücklich die letzte wäre und die die
Totalität ausdrückte. Im Gegenteil, die Fälle, die nicht nur in den
soeben zitierten niedrigen Gesellschaften, sondern in Melanesien, in
Südamerika, in Nordamerika, bei den Dravidiern Indiens etc. gesammelt
worden sind, bezeugen sämtlich, daß die Zahlenreihe durch
ein unbestimmtes Wort abgeschlossen wird, welches die Bedeutung von
»viel«, »eine Anzahl«, »eine Menge« hat, und welches in gewissen Fällen
später ein bestimmtes Zahlwort, je nachdem fünf, zehn, zwanzig wird.
Wenn endlich, was Mauss mit Recht der Beachtung empfohlen hat“),
die Theorie Useners exakt wäre, wenn der menschliche Geist durch
eine lange Folge von Jahrhunderten nicht über die Zahl Drei hinausgegangen
wäre und ihr einen fast unaustilgbaren mystischen Charakter
eingeprägt hätte, so müßte dieser Charakter jener Zahl doch in allen Gesellschaften
angehören. Nun, in den Gesellschaften Nord- und Zentralamerikas
finden wir nichts davon. Die Zahlen Vier, Fünf und ihre Vielfachen
trifft man ständig in ihren Kollektivvorstellungen an. Die Zahl Drei
spielt da nur eine unbedeutende oder gar keine Rolle.
Diese Einwände sprechen nicht nur gegen die Theorie Useners:
sie treffen in gleicher Weise auch alle analogen Erklärungsversuche.
Zum Beispiel kann die übrigens äußerst geistvolle Theorie von Mac-Gee?),
die sich auf die Beobachtung der. nordamerikanischen Gesellschaften
stützt, von den bei anderen niedrigen Gesellschaften gesammelten
Tatsachen keine Rechenschaft geben. Der gemeinsame Fehler
der Hypothesen dieser Art besteht darin, einen psychologischen Prozeß
zu verallgemeinern, den ihre Autoren in dieser oder jener Gesellschaft
analysiert zu haben glauben und der ihnen dann zur Erklärung des
mystischen Wertes dient, welcher in diesen Gesellschaften gewissen
Zahlen beigelegt wird. Die Verallgemeinerung wird durch die Tatsachen
nicht bestätigt; diese Art von »Erklärung« ist erfolglos. Muß
man nicht viel eher meinen, daß dank der Struktur der niedrigen Gesellschaften
selbst wie auch der Geistesart, die mit dieser Struktur verbunden
ist, die Kollektivvorstellungen prälogisch und mystisch sind und
daß dies von den Zahlen, die in den Vorstellungen implieite enthalten
sind. ebenso wie von ihrem übrigen Inhalt gilt? Es gibt also keine
1) Annee sociologique. T. VII. (1904), p. 310.
% Primitive numbers. E. B. Rep. XIX, p. 821—851.