Mystische Kraft der Zahlen, 191
Bei den Hindus legen die ärztlichen Vorschriften wie auch im allgemeinen
die magischen Formeln den Zahlen wegen ihrer magischen
Eigenschaften die größte Wichtigkeit bei. Zum Beispiel ist »ein bevorzugter
Talisman das magische Viereck, das aus einer besonderen
Anordnung gewisser Zahlen besteht. So ist es zur Heilung der Unfruchtbarkeit
ausgezeichnet, eine Serie von Zahlen, die, in
zweifachem Sinn zusammengezählt, 73 ausmachen, auf ein Stück Brot
zu schreiben, das man von einem schwarzen Hund verzehren läßt...
oder bei einer Geschwulst eine Figur in Form eines Kreuzes mit
drei Ziffern im Mittelpunkt und einer an jedem äußersten Ende zu
zeichnen. Dies ist an einem Sonntag zuzubereiten und um den linken
Arm geschlungen zu tragen«. Crooke fügt hinzu: »Die Zahl der
Zauberkräfte ist Legion ...«1) Aber so steht es nicht nur in Indien.
Es ließe sich eine Unzahl ähnlicher Gebräuche in der Magie und in
der Medizin des Altertums, der Araber, in denen Europas im Mittelalter,
endlich in allen Gesellschaften finden, die über Zahlworte verfügen.
Die Sammlungen zur Volkskunde sind in dieser Beziehung außerordentlich
reich.
In genügend weit fortgeschrittenen Gesellschaften, denen der
Gebrauch der großen Zahlen geläufig ist, partizipieren gewisse Vielfache
von Zahlen, die einen mystischen Wert haben, an den Eigentümlichkeiten
ihrer Einheiten. So in Indien, »wenn der. Neumond
auf den Montag fällt, machen die frommen Hindus hundertundachtmal
die Runde um den heiligen Feigenbaum«.?) Vielleicht
hat hundertacht eine besondere Kraft in seiner Eigenschaft des
gemeinsamen Vielfachen von neun und zwölf, die selbst wieder
Vielfache von drei und sechs sind. In den nordwestlichen Provinzen
haben die Zahlen 84 und 360 eine außergewöhnliche Wichtigkeit.
Zum Beispiel ist Chaurisa (84) die Unterabteilung eines parganah
oder Distrikts und zählt 84 Dörfer. Aber nicht etwa nur in
dem, was die territorialen Einteilungen betrifft, stehen die Zahlen
84 und 360 in so großer Gunst. Sie bilden auch einen Teil. des Gefüges
der hindostanischen, buddhistischen und jainistischen Religionen
und der Kosmogonien, der Riten, der sagenhaften Erzählungen. Es
ist mehr als offenbar, daß sie nicht zufällig und willkürlich gebraucht
werden, sondern der wohl überlegten Absicht entsprechen, eine entfernte
Anspielung unter dem Ausdruck eines gewöhnlichen Merkmals
zu verbergen. Der Gebrauch dieser mystischen Zahlen ist noch systematischer
bei den Buddhisten als bei den Hindus.°)
Vielleicht kommt diese Tatsache daher, daß 84 zugleich das
Vielfache von 7 und 12, 360 das Vielfache von 6, 9, 5 und 12 is
Es würden also die Zahlen 84 und 360, als Kombi; tion jener. -
1) Crooke, The Folk-lore of Northern India, 1, p. 159—1690.
‘) Ibid., II, p. 100.
3) Elliot, Memoirs of the races in the N. W. Provinees of India, II,
p. 47899.