214 VI. Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.
wiederholen nicht möglich ist. Dann, am Abend, folgten Beschwörungsformeln
... Als man auf das Meer hinauskam und alle Angelhaken,
so wie es sich gehört, hergerichtet waren, begann der für den Fischfang
besonders bezeichnete Eingeborene aufrechtstehend und mit ausgebreiteten
Armen zu beten... Die ersten Fische, die gefangen
wurden, wurden dem Meere zurückgegeben, nachdem eine magische
Formel über sie ausgesprochen worden war; eine Maßregel. die eine
Menge Fische den Angeln zuführen sollte«.*)
Endlich, nach dem Fischfang, sind mystische Operationen notwendig,
um den »Geist« des Tieres (oder seines Stammes) zu besänftigen,
seinen Groll. zu lähmen und seine Freundschaft wiederzugewinnen,
wie dies ja auch nach der Jagd der Fall ‚war. »Sobald ein Stör gefangen
ist,« erzählt Boas, »fängt der Fischer zu singen an und besänftigt
durch diesen Gesang das sich sträubende Tier, welches sich
sodann töten läßt.«2) »Meine Studien«, sagt seinerseits Hilltout, »haben
mich dahin gebracht, zu denken, daß diese Gebräuche bei den Stämmen
der Salisch sowie bei.den anderen immer Sühngebräuche sind. Ihr Zweck
ist, den Geist der Fische (oder der Pflanze, oder der Frucht, je nach den
Umständen) zu besänftigen, damit eine reichliche Verproviantierung gesichert
sei. Die Zeremonie besteht nicht in Dankbarkeitsbezeugungen: sie
zielt darauf hin, den Reichtum der Lebewesen oder der Gegenstände,
die man wünscht, zu sichern; denn es wäre zu befürchten, daß, wenn
die Zeremonien nicht religiös und ehrfürchtig ausgeführt würden, die
Geister der Gegenstände sich erzürnen würden, so daß man der letzteren
beraubt würde.
HL.
‚Ist. es notwendig zu beweisen, daß die Mehrzahl der sich auf
den Krieg beziehenden . Gebräuche dieselben Merkmale zeigen wie die
vorhergehenden?. Für die Gesellschaften von niedrigerem Typus gibt
es keinen wesentlichen Unterschied zwischen Krieg und Jagd. Es
stellen sich in diesem Falle wieder Einleitungs- und Beendigungsriten
ein, ‚sowie vorbereitende mystische Zeremonien zu Beginn des Feldzuges,
Tänze, Fasten, Reinigungen, Enthaltsamkeiten, ein zu Rate
ziehen der Träume, Verbote, die den Nichtkämpfern auferlegt werden,
Beschwörungsformeln gegen den Feind, Zaubermittel, Amulette,
Fetische, ‚verschiedenartigste Medizinen, um sich unverwundbar zu
machen, Gebete, um die Gunst der Geister zu gewinnen; — dann, im
Augenblicke der Handlung, gibt es demütige Bitten, welche. an die
Pferde, an die Waffen, an die den einzelnen oder die Menge beschützenden
: Geister gerichtet werden, magische Operationen und
Formeln, um den Feind zu verblenden, um ihn außerstande zu setzen,
sich zu verteidigen, um ihn zu lähmen; — und endlich nach der
1) R. Taylor, The ika a maui. P. 197-—200
2) Bods, loc. cit. 1894, p. 460.