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Full Text : Das Denken der Naturvölker

234 VII. Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

für eine. Krankheit Mann, Frau oder Kind oder selbst das. Vieh
treffen mag, diese der Tätigkeit eines boshaften Geistes oder einer beleidigten
 Gottheit entspringt; und nach Ablauf einiger Zeit, wenn sie
vergeblich versucht haben, die Krankheit durch die Mittel, die ihnen
bekannt sein könnten, zu heilen, ziehen sie einen Teufelsbeschwörer
oder einen Hexenmeister, der boshafte Geister austreibt, zu. BRate.!)
In Bahr und in Ghazal ist die Vorstellung von der »Besessenheit«
stets vorherrschend, selbst wenn die Krankheit nicht unmittelbar den
Anschlägen irgend eines Feindes zugeschrieben wird.?) Mit einem
Worte — um nicht länger bei wohlbekannten Tatsachen zu verweilen:
der Kranke ist ein Mann, der. den Handlungen einer bösen Macht
oder eines bösen Einflusses zum Opfer fällt.
(B. Diagnos ol Aus dieser mystischen Vorstellung von der Krankheit
folgen unmittelbar die Gebräuche, welche sich auf die Diagnose beziehen.
Es gilt zu wissen, welches die Macht oder der böse Einfluß ist, der
sich des Kranken bemächtigt hat, welche Behexung stattgefunden hat,
welcher Lebende oder Tote nach dem Leben des Kranken trachtet ete.
Diese Diagnose, von der alles übrige abhängt, kann nur von einem
Manne gestellt werden, der befähigt ist, mit den geheimnisvollen
Kräften und Geistern in Berührung zu treten, und der mächtig genug
ist, sie zu bekämpfen und auszutreiben. Die erste Maßregel wird also
sein, sich an den Medizinmann, an den Schaman, an den Zauberer,
an. den Doktor, an den Teufelsbeschwörer (welchen Namen immer
man ihnen geben mag) zu wenden, und willigt er ein, die Heilung
zu versuchen, so wird seine erste Sorge die sein, sich in den besonderen
 Zustand zu versetzen, in dem er sich befinden muß, um mit
den Kräften und Geistern. zu verkehren, um auf sie tatsächlich die
Macht auszuüben, die er immer virtuell besitzt. Daraus erklärt sich
eine ganze Reihenfolge von Operationen, die der eigentlichen
Behandlung vorausgehen und die oft mehrere Stunden oder eine ganze
Nacht hindureh dauern: wie Fasten oder Vergiftung, besondere Kleidung,
 magische Schmückungen, Beschwörungen, Tänze, bis der betreffende
 Meister vollkommen erschöpft ist und auf das heftigste schwitzt;
das geht so weit, daß schließlich der »Doktor« die Besinnung zu
verlieren oder »außer sich« zu kommen scheint. . Dann entsteht das;
was wir eine Verdopplung der Persönlichkeit nennen würden. Er ist
für alles, was ihn umgibt, unempfindlich geworden, fühlt sich aber
dafür in die Welt der unfaßbaren, unsichtbaren Wirklichkeiten versetzt,
 in die Welt der Geister, oder tritt wenigstens mit ihnen in
| Verbindung. In: diesem Augenblicke vollzieht sich die Diagnose durch
Intuition und infolgedessen ohne möglichen Irrtum: der Kranke und
seine Umgebung werden blind daran glauben. Hier ein Beispiel unter

1) Capt. 4. Mackintosh, An account of the tribes of Mhadeo-Kolies. Transactions
 of the Bombay geographical Society, 1835, reprinted 1864, I, p. 227.
-“ 2) Cummings, Sub-tribes of the Bahr et Ghazal Dinkas. J.‘A. I. 1904,
v. 156.
            
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