Page Banner

Full Text : Das Denken der Naturvölker

Die Krankheit.

235

tausenden: »Der wichtigste Schmuck des Schamans (der sich mit
dem Kranken beschäftigen wird) ist ein aus einem Strohbund verfertigter
 Haarputz, den er bei seinen Beschwörungen trägt... Bevor
er diesen Haarputz anlegt, bläst er darauf. und bespritzt ihn mit
Wasser, das auf magische Blätter gegossen worden. war. Kaum hat
er diesen Haarputz auf dem Kopfe, so ‚beträgt er sich, als ob ihn
ein Anfall von Tollheit gepackt hätte‘; er gerät in einen Zustand
der Verzückung, indem er den Gesang anstimmt, den ihm sein
Schutzgeist zur Zeit seiner Einweihung eingegeben hat. Er tanzt, bis
er sehr heftig schwitzt und schließlich kommt sein Geist und spricht
zu ihm.« !)
Da die Diagnose also von diesen mystischen Gebräuchen abhängt,
 die gleichzeitig notwendig und hinreichend sind, so schenkt
man den physischen Symptomen nur sehr wenig Aufmerksamkeit. —
»Im westlichen Afrika«, erzählt Nassau, »vollzieht sich die
Diagnose nicht durch eine Prüfung und eine Vergleichung ‘der
physischen und geistigen Symptome, sondern mittels der Trommel,
des Tanzes, des rasenden Gesanges, des Spiegels, des Rauches von
Spezereien, der Beratung mit Reliquien, der Zwiesprache mit dem
Geiste selbst.« 2) — Bei den Tscherokesen ist »die Beschreibung ...
stets äußerst unbestimmt und der vom Schaman der Krankheit gegebene
 Name drückt im allgemeinen nur aus, welche okkulte Ursache
des Übels er vermutet. So haben sie bestimmte Namen für den
Rheumatismus, für Zahnschmerzen, für Furunkel und für eine kleine
Anzahl anderer ebenso genau charakterisierter Leiden. Aber für alles
übrige beschränkt sich ihre Beschreibung der Symptome darauf, zu
sagen, daß der, Kranke böse Träume gehabt habe, daß er Ringe um
die Augen habe, daß er sich ermüdet fühlt«. Die Namen, die den
Krankheiten beigelegt werden, sind von folgender Art: »Wenn sie
von Schlangen träumen«, »wenn sie von Fischen träumen«, »wenn
die Gespenster sie quälen«, »wenn etwas bewirkt, daß etwas an ihnen
nagt«, »wenn die Nahrung geändert ist« — das heißt, »wenn eine
Zauberin bewirkt, daß die Nahrung im Körper des Kranken keimt
und wächst oder daß sie sich in eine Eidechse, in einen Frosch oder
in einen spitzigen Stock verwandelt«.*)
Im übrigen entspringt auch diese Gleichgültigkeit bezüglich der
körperlichen Symptome aus der mystischen Vorstellung der Krankheit.
Es ist nicht der Körper, es sind nicht die sichtbaren Organe, die die
Ursache des Übels in sich bergen: es ist die Seele oder der Geist,
die von ihm befallen sind. Daher ist es gar nicht am Platz, sich
auf die Beobachtung sichtbarer. Symptome zu verlegen. So wird in

1) Fr. Boas, The N. W. tribes of Canada. Rep. of the British Association
for the advancement of seiences, 1890, p. 645—646.
?) Nassau, Fetichism. in West-Afrika, S. 215.
3) James Mooney, The sacred formulas of the Cherokee. E. B. Rep. VII,
p. 337, 308.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.