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Full Text : Das Denken der Naturvölker

236 VII. Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

Ostafrika »das Verfahren des Arztes durch das Dogma geleitet, daß
in allen Krankheitsfällen, bei denen sich das Blut nicht zeigt, der
Patient an irgend einer Unordnung in seiner Seele leidet«.') — Nach
den Irokesen »ist jede Krankheit ein Verlangen der Seele, und man
stirbt nur deshalb, weil das Verlangen nicht gestillt worden ist«. — In
Akadien »verweigert man dem Kranken nichts von dem, was er fordert,
weil seine Wünsche in diesem Zustand Befehle des Schutzgeistes sind,
und wenn man die Zauberer ruft, so geschieht dies .darum, weil sie
es besser verstehen, von den Geistern die Ursache des Ubels und das
geeignete Heilmittel zu erfahren ... Aufgabe des Zauberers ist es, die
Hexerei, die die. Ursache der Krankheit ist, zu entdecken. Er beginnt
damit, daß er sich in Schweiß bringt, und wenn er sich müde geschrien,
 wenn er genügend um sich geschlagen und seinen Genius
beschworen hat, erklärt er hierauf die erste ungewöhnliche Sache,
die ihm einfällt, für die Ursache der Krankheit. Vor dem Eintritt in
die Schwitzstube nehmen mehrere einen gemischten Trank, der sie für
die himmlische Eingebung besonders empfänglich macht«.?)
(C. Behandlung.; Wie immer sie auch sei, man kann voraussehen,
 daß ihr Wert ausschließlich in ihrer mystischen Kraft liegen
wird. Ihre Wirksamkeit wird gänzlich aus Verbindungen und Partizipationen
 spiritueller oder magischer Natur hervorgehen. Infolgedessen
hat die Therapeutik der Weißen nicht den geringsten Wert. Ihre
Heilmittel sind vielleicht schädlich (dank den mystischen Eigenschaften,
die man nicht kennt), können aber sicherlich, auf jeden Fall, nicht
gut tun und haben nicht .die Macht, die Krankheiten der Primitiven
zu heilen. »Da ist eine Frau, die seit dem letzten Jahr krank ist.
Ich bin des öfteren hingegangen, um nach ihrem Befinden zu sehen
und habe sie gefragt, ob sie wohl meine Mittel zu ihrer Gesundung
nehmen wolle. Sie hat geantwortet: ‚Der Teufel ist es, der mir diese
Krankheit geschickt hat und sie kann durch keine Mittel geheilt
werden. Die tamilnanas (Zauberer) allein können mich heilen, indem
sie den Teufel, der in mir steckt, austreiben.‘«?) »Der lebhafte Widerwille,
 der gegen die europäischen Behandlungsmethoden, wie immer
sie auch beschaffen sein mögen, empfunden wird, ist allgemein. Vom
Gesichtspunkte des prälogischen Geisteszustandes aus ist er unvermeidlich,
 und man muß bekennen, daß er in der Tat durch den Ausgang
sehr oft gerechtfertigt wird, besonders wenn es sich um Miiglieder
einer Gesellschaft von ganz niederem Typus handelt. So gestand ein
Arzt aus der Provinz Victoria (Australien) zu,. ‚daß es ihm im allgemeinen
 jedesmal, wenn er einem kranken Eingeborenen seine besondere
Pflege hatte angedeihen lassen, nur gelungen War, ihn schneller zu
töten‘ .... Läßt man sie frei in den Wald laufen, so erholen sie sich

m» M. Kingsley, West-African studies. P. 169.
2) Charlevoix, Journal d’un voyage dans V’Amerique septentrionale. III,
p: 367. ; |
3) Solomon, Diaries Kept in Car Nicobar. J. A. I. XXXIL, p. 231-—232,
            
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