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Full Text : Das Denken der Naturvölker

9250 VIL Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

auch im französischen Kongo und in anderen Teilen des schwarzen
Kontinents ist das Verfahren folgendes (um einen kurzen Abriß davon
zu geben): Sowie der Tod einer wichtigen Persönlichkeit.oder irgend ein
verdächtiger "Tod erfolgt ist, versammeln sich alle Verwandten, die
ganze Dienerschaft, oft die ganze Bevölkerung des Dorfes, und der
Medizinmann beginnt die magischen Operationen, die den Schuldigen
entlarven . sollen. Miß Kingsley hat ein packendes Bild dieser tragischen
 Versammlungen entworfen, in denen der Allerwackerste zittert,
wenn er daran denkt, daß er bezeichnet werden könnte und in weniger
als einer Minute verurteilt, verloren, Gegenstand öffentlichen Hasses
und Abscheues sein könnte, ohne daß ihm irgend eine Hoffnung bliebe,
seine Unschuld zu beweisen. Bald wird er tatsächlich auf der Stelle
getötet, bald muß er sich einem Gottesurteil unterwerfen — er muß
zum Beispiel eine bestimmte Menge Giftes hinunterschlucken — und
die, welche die Dosis zubereiten, haben. das Ergebnis dieser Probe von
vornherein sichergestellt. Die Europäer, ‚welche soleh einem Drama
beiwohnen, können darin nur eine fürchterliche Parodie auf
die Gerechtigkeit sehen. Aber die Hartnäckigkeit, mit der die Eingeborenen
 diese Gebräuche verteidigen, zeigt, daß diese für sie mit
sehr wichtigen Kollektivvorstellungen eng verbunden sind, zum Beispiel
 mit denen, die sich auf die Krankheit, das Leben, den Tod, die
Gesellschaftsordnung beziehen. Sie sind daher vom Standpunkt ihrer
prälogischen und mpystischen Geistesart ebenso »unumgänglich notwendig«,
 wie sie sich ausdrücken, als sie unserem logischen Denken
absurd erscheinen.
_— Es ist bemerkenswert, daß in den Gesellschaften des niedrigsten
Typus, den wir kennen, die Wahrsagung oft dahin zielt, zu entdecken,
in welcher Raumgegend der Mörder sich befindet. In Australien besteht
die Gepflogenheit, an dem Platze, an welchem sich der tote Körper
befunden hat, einen Einschnitt in die Erde zu machen und zu beobachten,
 welche Richtung ein Insekt, das man mit der Hacke dabei
ausgegraben hat, einschlagen wird. »Die Bewegungen des Insekts«,
sagt Grey, »wurden mit dem leidenschaftlichsten Interesse verfolgt,
und da dieses kleine Tier es gerade für ratsam fand, in der Richtung
von Guilford wegzukriechen, so lieferte dies für die Eingeborenen einen
neuen Beweis für das Verschulden der Leute dieser Gegend.«1) Es ist
das der Brauch, dessen ich schon früher mit den Worten von
Brough Smyth Erwähnung getan habe; dieser Forscher hat übrigens
eine Art übersichtlichen Bildes des angewendeten Verfahrens geliefert.
»Der Stamm von Western Port (Vietoria) und 'die Stämme der Umgebung
 von Perth (Westaustralien) beobachten mit scharfem Blick die
Bewegungen eines Insektes, das sie beim Auswerfen der Erde zufällig
mitausgegraben haben; der Stamm von Melbourne sucht nach der

1) Grey, Journal of two expeditions of discovery in N. W..and western
Australia. IL, p. 325—326,
            
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