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Full Text : Das Denken der Naturvölker

258 VII. Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

nach der auf dem Rastplatze verbrachten Nacht sich wieder auf den Weg
zu machen. So kann es sich ereignen, daß die eingeborenen Träger
den größten Widerwillen an den Tag legen, wenn sie abmarschieren
sollen, oder sich sogar dessen weigern, falls sie den Mut dazu haben.
Der weiße Reisende wird — dies ist eine Bemerkung von Miß
Kingsley — wenn er die Denkweise seiner Truppe nicht genau
kennt, darin nur Faulheit, Zuchtlosigkeit, Wortbruch, unverbesserliches
Mißtrauen erblieken. Aber jenes Verhalten hat vielleicht etwas ganz
anderes zu bedeuten. Vielleicht hat einer von den Negern beim Aufstehen
ein Zeichen von schlechter Vorbedeutung für sich und seine ganze
Truppe wahrgenommen. Daher ihr Widerstand. In diesem Falle hat
es sich von ‚selbst ergeben, wie man zu handeln habe. Wenn aber der
gute Rat sich nicht von selbst darbietet, ruft man ihn hervor. Denn
falls. infolge der mystischen unlösbaren Verbindungen das Unternehmen,
 welches man vor hat, schlecht ausfallen muß, so wäre
es ebenso unvernünftig, sich daran zu wagen, als es von uns unsinnig
 wäre, gegen die Naturgesetze zu handeln, zum Beispiel gegen
das Gesetz der Schwerkraft. Und wie sollte man dies in Erfahrung
bringen, wenn nicht durch. die Wahrsagerei?
Ebenso wird es nicht genügen, seine Zuflucht zu ihr zu nehmen,
um sich im allgemeinen des Erfolges einer Unternehmung zu versichern;
 man wird bei jeder Operation, die man beginnt, und sozusagen
 eigentlich in jedem Augenblicke die Vorzeichen zu Rat ziehen
und die Träume auslegen müssen. Das ist ein Punkt, den viele
Forscher in helles Licht gesetzt haben; im Kriege, auf der Jagd, fast
überall wo die Tätigkeit eines Einzelnen oder der Gesamtheit einen
Zweck verwirklichen will, geschieht nichts ohne die günstige Meinung
des Wahrsagers, des Medizinmannes, des Zauberers. Hat man seine
Absicht glücklich erreicht, so verdankt man dies nur ‚der genauen
Befolgung ihrer Vorschriften. »Ja,« sagte ein Dayak-Häuptling zum
Rajah Brooke, »meine Leute sind dieses Jahr von ihrer Reisernte
befriedigt, weil wir keinen Fingerzeig, den uns die Vorzeichen gegeben
haben, vernachlässigt haben; wir haben die Hantus (Geister) besänftigt,
 indem wir Krokodile erbeutet haben, indem wir Schweine
töteten, um ihr Herz zu untersuchen, und wir haben eingehend unsere
Träume gedeutet. Eine schöne Ernte ist das Ergebnis; die Leute,
welehe es versäumt haben, so vorzugehen wie wir, bleiben arm: in
der Zukunft werden sie achtsamer sein müssen.« !) Im Feldzuge hängen
alle Bewegungen eben dieser Dayaks von den Vorzeichen ab. So lange
die Auguren nicht gesprochen haben, kann man weder vorwärts noch
rückwärts gehen, weder angreifen noch seine Stellung wechseln. »Ein
mir bekannter Fürst hat sechs Wochen in einer Hütte verbracht,
zurückgehalten von seinen Soldaten, darauf wartend, daß sich das
Zwitschern der Vögel von der guten Seite hören ließ... Man glaubt,

1) Brooke, Ten years in Sarawak. II, p. 203.
            
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