VIII. Kapitel.
Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde
liegen, welche. durch das Gesetz der Partizipation beherrscht
werden. ‘
(Schluß.)
Ich habe mir -bis hieher die Besprechung einer: bestimmten
Klasse ‚von Gebräuchen ‚aufgespart, welchen ich nun ebensosehr des
ansehnlichen „Platzes wegen, den sie im Leben der niedrigen Gesellschaften
einnehmen, als des Lichtes wegen, . das sie auf den Geisteszustand
dieser Gesellschaften werfen können, eine besondere Betrachtung
widmen ‚will. Es handelt sich um die Sitten, welche die Toten oder, genauer
gesagt, die Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten
betreffen. ‚Sie sind ganz allgemein verbreitet; man kennt kaum eine
soziale Gruppe, welchem Typus auch immer sie zugeordnet sein mag,
in der die Beobachter nicht Gewohnheiten, Tabus, verbindliche Riten
bemerkt hätten, welche im Augenblick des Todes in Kraft treten und
während eines längeren oder kürzeren Zeitabschnittes nach dem Tode
in Kraft sind.
Alle Welt weiß, mit welchem Gewicht in der chinesischen Gesellschaft
seit unvorgänglichen Zeiten die Sorgen um die Toten die
Lebenden bedrücken.!) — »Wenn in Kanada ein Dorf, in dem sich
Leichname befinden, zu brennen beginnt, ®o ist es das erste, was
man tut, diese in Sicherheit zu bringen.... Man beraubt sich seines
kostbarsten Besitzes, um, die Dahingeschiedenen damit zu schmücken;
von Zeit zu Zeit öffnet man ihre Särge, um ihre Kleidung zu wechseln
und man spart sich die Stücke vom Munde ab, um sie auf ihr
Grab und. in die Gegenden, die :als der Aufenthaltsort ihrer Seelen
gelten, zu bringen... Man ist auch sehr sorgfältig darauf bedacht,
den Leichnam im Grabe so zu bedecken und einzuwickeln, daß er
von der Erde nicht berührt werde; er befindet sich hier gleichsam in
einer Zelle, die ganz mit Häuten verkleidet und viel reicher und
schmuckvoller ausgestattet ist als eine Hütte.«*)
1) J. J. M. de Groot, The religious systems of China, I, p. 658 und passim.
?) Charlevoix, Journal d’un voyage dans l’Amerique septentrionale. III,
p. 372 sag.