Beziehungen zwischen Lebenden und Toten. | z 271
Vor allem wollen wir ganz allgemein darlegen, daß diese Geistesart
sich keineswegs scheut, die Toten bald so vorzustellen, daß sie im
Jenseits eine Gesellschaft bilden, die von den Gesellschaften der Lebenden
vollkommen verschieden ist, bald wieder so, daß sie im Diesseits, also
in unserer Welt, in jedem Augenblick wieder auftauchen. So meint
man bei den Eingeborenen der Meerenge von Torres: »Kurz nach dem
Tode eines Mannes begibt sich dessen Mari nach Kibu, Wenn es
hier ankommt, empfängt es das mart eines seiner früher verstorbenen
Freunde und versteckt es. In der ersten Neumondnacht wird das mart
von seinem Freunde: allen anderen markai vorgestellt, die, eines nach
dem anderen, ihre Keule mit dem Kopfe aus Stein nehmen und das
neuangekommene marz aufs Haupt schlagen; dann ist es ein wahres
markar geworden. Hierauf lehrt man es, mit der Lanze zu fischen
und alles zu tun, was die anderen tun... Die mart oder markai benehmen
sich im ganzen wie die Menschen und sie können sogar
Sterbliche heiraten ...«1)
Wir finden in China, wo -sich die Vorstellungen und Bräuche,
die sich auf die Toten beziehen, seit Urzeiten erhalten haben, dieselben
Widersprüche. Einerseits gibt es da eine Welt von Gespenstern, die
eine Kopie der Menschenwelt ist. Diese Gesellschaft ist auf die gleiche
Art organisiert wie jene, das Leben in Clanen dauert hier fort. Jeder
bekleidet hier Stellung und Rang, die er zu seinen Lebzeiten innegehabt
hatte; er übt hier den Ahnenkult mit denselben Feierlichkeiten
aus wie vor seinem Hinscheiden.?) Die Toten haben ihre Armeen,
ihre Schlachten, ihre Friedhöfe, ihre Begräbniszeremonien. Ja, die
Menschen werden von den Gespenstern ebenso gefürchtet als die Gespenster
von den Menschen; der verderbliche Einfluß ist gegenseitig
und sie beschwören und vertreiben ihn auch wechselseitig mittels
Opferspenden. De Groot berichtet eine sehr bezeichnende Legende
von Menschen, die in das Land der Geister eindringen und hier
durch ihre bloße Gegenwart panischen Schrecken verbreiten. Man
bietet ihnen Opfergaben dar und man begleitet sie unter unendlichen
Vorsichtsmaßregeln zur Grenze zurück. «%)
Aber anderseits ist es nach demselben Autor »bei den Chinesen
ein alt eingewurzelter Glaube, eine Lehre, ein Axiom ..., daß die
Geister der Toten mit den Lebenden die engsten Beziehungen unterhalten,
die fast so intim sind wie jene, die unter Menschen stattfinden.
In Wirklichkeit gibt es ja eine Scheidelinie zwischen den Toten und
den Lebenden; aber es ist eine sehr schwache, kaum wahrnehmbare
Grenze. Der Verkehr, der zwischen ihnen besteht, ist, von allen
möglichen Gesichtspunkten aus betrachtet, von bedeutenden Wirkungen
begleitet. Er ist eine Quelle von Segnungen, er ist auch eine Quelle
1) The Cambridge Expedition to Torres Straits. V, p. 357.
?) De Groot, The religious systems of China, I, p. 48, 924.
3) Ibid., IL op. 802—811.