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Full Text : Das Denken der Naturvölker

278 VII. Kapitel, Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

denken sie, damit der Tote wirklich tot sei, und bis dahin ist es notwendig,
 ihm Gesellschaft zu leisten.«!)
In diesem Augenblick ist also die Partizipation des Toten an seiner
sozialen Gruppe nur unterbrochen und nicht wirklich zerstört. Man glaubt
oder man will glauben, daß alles wieder gut zu machen und daß jene
Partizipation wieder herstellbar sei, um so wie früher zu bestehen.
Wenn indessen die Seele nicht bald wiederkommt, der Tote nicht mehr
wiedererwacht, so treten andere. Kollektivvorstellungen auf und mit
ihnen andere Gefühle.. »Die Naturvölker glauben, daß der Geist eines
Verstorbenen, besonders wenn er eines gewaltsamen Todes gestorben
ist, außerordentlich unglücklich und bösartig sei: in seinem Zorn ist
er stets bereit, unter dem allernichtigsten Vorwand gereizt zu werden
und seine Wut an den Lebenden auszulassen ... Sie scheinen auch
zu glauben, daß der Dahingegangene während einer bestimmten Zahl
von Tagen nach :seinem Tod noch nicht seinen spirituellen Leib, der
sich nur langsam bildet, angenommen. habe und daß er während
dieser Übergangsperiode außerordentlich zänkisch und rachgierig sei.« ?)
Der Tote befindet sich in einem Zustand, der für ihn peinvoll und
für die anderen gefährlich ist, so daß sie von da an fürchten, mit ihm
in Berührung zu kommen. Da er nicht mehr gleich den anderen ein
integrierender Bestandteil der Gruppe ist, so ist es notwendig, daß er
sich ‚entferne. Dieses Gefühl drückt sich oft auf die allernaivste und
lebhafteste Weise aus. »Wenn ein Mensch im Sterben liegt, so bringen
ihm seine. Freunde Nahrungsmittel und sagen ihm: ‚Sei so gut, uns,
wenn du uns schon verläßt, ganz zu verlassen.‘<«?3) Bei den Igoroten von
den Philippinen singen die alten Weiber und hierauf die alten Männer
in den ersten Tagen zu wiederholten Malen folgenden Gesang: »Jetzt
bist du tot... Wir haben dir alles gegeben, was du notwendig brauchst
und für das Begräbnis die sich. geziemenden Vorbereitungen gemacht.
So komm denn auch nicht zurück, um einen. deiner Verwandten oder
Freunde zu ‘holen.«*) — Ebenso: erklärt der Rev. Nassau von den
Stämmen Westafrikas, daß die Gefühle der Überlebenden in Bezug
auf den Toten »sehr gemischt sind. Wenn sie ihn anflehen, ins Leben
zurückzukehren, . so sind ‘sie sicherlich aufrichtig und sie wünschen
nur, daß diese Wiederkehr vollständig sei; aber fast gleichzeitig erwacht
 die Furcht, .der Tote könnte tatsächlich zurückkommen, und
zwar nicht in seiner gewöhnlichen und dem geselligen Verkehr angepaßten
 Form, sondern in der Verfassung eines unsichtbaren, unkörperlichen
 und vielleicht feindlichen Geistes .. .«°) Miß Kingsley hat dieselben
Schauergefühle konstatiert und man-hat. ihr diese erklärt und begründet.
1) Moszkowski, Stämme von Ost-Sumatra. Zeitschrift für Ethnologie, XI,
S. 336, ibid. S, 644. N
2) F. Frazer, Some remarks on the australian languages. Journal and
Proceedings of the R. Society of N. S. Wales, 1890, p. 235.
%) Basil Thomson, The natives of Savage Island. J. A. I. XXXI, p. 139.
‘) Jenks, The Bontoe Igorot. Manila 1905, p. 75.
5) Fetichism in West-Afriea. P. 113.
            
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