Die ersten Leichen-Zeremonien, 9279
Wenn man fürchtet, die Toten möchten den überlebenden Mitgliedern
‘hrer Familie ein Leid antun, so kommt dies nicht daher, "daß sie ihnen
übel gesinnt seien, sondern vielmehr daher, daß sie sich in ihrer
Einsamkeit unglücklich fühlen. und sich‘ nach Genossen sehnen. Sie
sind um so gefährlicher, als sie sich in der Gesellschaft der Geister
noch nicht festgesetzt haben;!) und das ist es, was diese ersten. Tage
nach dem Tode zu besonders kritischen Tagen macht. : Es ist nicht
nur die Partizipation des Toten an seiner Gemeinschaft kaum gerissen,
sondern es hat sich seine Partizipation an der Gemeinschaft der Geister
noch nicht gebildet.
. Gleiche Vorstellungen und Gefühle in Nordamerika. >»Für. die
Tarahumaren bedeutet der Tod ‚bloß einen Wechsel der Gestalt...
Sie fürchten sich vor den Toten, und sie denken, daß diese den Überjebenden
übel wollen. Diese Angst wird durch die Idee ‚verursacht,
daß die Toten einsam sind und die Gesellschaft ihres Nächsten begehren.
Darum machen die Toten die Leute krank, damit auch sie
sterben und sieh mit denen; die vor ihnen IMngegangen sind, vereinigen.
..<« Auch wird der Tote gebeten, sich ernstlich wegzubegeben.
Man schließt ihm die Augen, man kreuzt ihm die Hände über der
Brust, und seine Verwandten. sprechen einer nach dem. anderen zu
ihm, um von ihm Abschied zu nehmen. Die Witwe sagt unter
Tränen zu ihrem Mann, daß er.jetzt, da er fortgegangen sei und
nicht mehr bei ihr bleiben wolle, auch nicht mehr zurückkommen
solle, um sie, ihre Söhne oder ihre Töchter oder: wen immer zu
erschrecken. Sie fleht ihn an, niemanden mitzunehmen und sie in
Frieden zu lassen. Eine Mutter sagt zu ihrem toten Kind: »Jetzt geh’!
Und komm. nicht wieder, nun da du gestorben bist! Komm in der
Nacht nicht wieder, um an meiner Brust zu saugen! Geh’ fort!« Und
der Vater sagt zum Kind: »Komm nicht zurück, um mir zu sagen,
ich möchte dich an der Hand ‘halten oder für dich Sachen verfertigen.
Ich kenne dich nicht mehr.«?) .
Diese Befürchtungen sind um so lebhafter, als. man sich. vorstellt,
der Tote, das heißt seine Seele oder sein Geist, verbleibe in
der Hütte oder im Zelt, in welchem er verblichen ist, oder halte sich
jedenfalls nicht fern vom Körper auf, oder streife in der Umgebung,
besonders nächtlicherweile, umher. Dieser Glaube ist allgemein verbreitet;
brächten ihn nicht die Kollektivvorstellungen mit sich, So
könnte der psychische Mechanismus ihn bei den Individuen hervorrufen.
Erwarten nicht sogar wir, wenn uns der Tod einen unserer
nächsten Angehörigen geraubt hat, in :den ersten Tagen,. ihn aus
dem Zimmer gehen, seinen Platz am Tisch einnehmen, zur gewohnten
Stunde ins Haus treten zu sehen? Aber bei den Primitiven kommt noch
etwas anderes in Betracht als diese schmerzlichen Erinnerungen, die geradezu
zur Halluzination werden können: es ist die sichtbare Gegenwart
1) West-Afriean studies. P. 223.
% Lumholtz, Unknown Mexico. I, p. 380—382.