286 VIIT, Kapitel, Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.
Die Tarahumaren von Mexiko feiern drei Feste nacheinander.
Bei dem ersten, das fünfzehn Tage hach dem Hinscheiden stattfindet,
reden alle, die in Trauer sind, mit dem Toten, als erster der Schaman;
man fleht ihn an, die Lebenden in Frieden. zu lassen... Das zweite
wird sechs Monate nachher gegeben ... Drei Männer und drei Frauen
tragen Nahrungsmittel auf das Grab; die Verwandten bleiben zu Hause.
Das dritte Fest ‚ist die letzte Bemühung, den Toten los zu werden.
Die Zeremonie wird durch einen Wettlauf der jungen Leute beendet.
»Alle kommen in fröhlichster Stimmung zurück; sie geben ihre Befriedigung
kund, indem: sie ihre Decken, ihre Mäntel, ihre Hüte in
die Luft schleudern, weil endlich der "Tote für alle Zeit entfernt ist...
Nach den Namen, die die Tarahumaren diesen drei Zeremonien beilegen,
ist der Zweck der ersten, den Toten mit Nahrungsmitteln zu
versorgen; der der zweiten, den Vorrat zu erneuern; der Gegenstand
der dritten ist, ihn durch Trunk zu laben. Eine jede dauert einen Tag
und eine Nacht. und beginnt in der Stunde, in der der Verstorbene
seinen letzten Atemzug getan hat... Es gibt drei Zeremonien für
einen Mann und vier für eine Frau: die Frau kann nicht so rasch
laufen wie der Mann und es kostet Mühe, sie zu entfernen. Vor der
letzten Zeremonie wird. sich nie ein Witwer oder eine Witwe wieder
verheiraten: Sie befürchten mehr als die anderen Verwandten, vom
Tod hinweggerafft zu werden. «1)
Aber wenn einmal diese Schlußfeier abgehalten worden ist. so
wissen dieselben Tarahumaren, daß sie nichts-mehr zu fürchten haben,
und sie handeln auch danach. »Sie sahen mich«, erzählt Zumholtz,
»ohne Erregung die Leichen ihrer Toten wegbringen, wenn nur einige
Jahre seit ihrem Hinscheiden verstrichen und die Zeremonien, die
notwendig sind, um sie von dieser Welt zu trennen, vollbracht worden
waren ... Ein Tarahumare verkaufte mir das Skelett seiner Schwiegermutter
für einen Dollar.«?) — Auch die Huischolen fürchten sich
nicht mehr vor den Toten, die seit längerer Zeit aus dem Leben geschieden
sind.?) Da sie wußten, daß .Lumholtz auf der Suche nach
Menschenschädeln war, brachten sie ihm solche aus freien Stücken.
Ebenso. haben die Neger im äquatorialen Afrika »vor den Geistern
Angst, wenn der Tod jüngst stattgefunden hat; sie tragen Nahrungsmitteln,
Kleider, Werkzeuge auf die Gräber und sie ergänzen den Vorrat
von Zeit zu Zeit. Während der für die Trauer vorgeschriebenen
Periode erinnert man sich an den Toten und fürchtet ihn ... später
hört der Neger auf, an die Existenz des Geistes des Toten zu glauben ...
Sprich ihm von dem Geist seines Bruders, der. gestern verschieden
ist: er wird voller Entsetzen sein; sprich ihm von dem Geist derer,
die schon seit langem gestorben sind, und er wird sarglos antworten:
‚damit ist es aus‘, indem er damit verstehen lassen will, daß sie nicht
1) Lumholtz, Unknown Mexico. I, .-p. 384—387.
?) Ibid., I, p. 390.
3) Ibid., IL, p. 285.