Die Geburt.
303
gänzt es sich notwendigerweise durch sie. Weiters beweist die Ehrfurcht,
mit der man zum Beispiel bei den Australiern die Churinga
umgibt — man erinnert sich, daß die Churinga die Ahnen vorstellen,
die Ahnen selbst sind, in dem Sinn des Wortes, wie er .durch. das
Gesetz der Partizipation gegeben. ist — bezeugen die totemischen
Zeremonien, welche durch die Stämme periodisch abgehalten werden und
von welchen deren Wohl abhängt, bezeugen endlich alle anderen Kinrichtungen
eine intensiv gefühlte Partizipation zwischen der wirklichen
Gruppe und ihren Toten. Es handelt 'sich da nicht so sehr um diejenigen,
die erst jüngst der Tod hingerafft hat und deren Körper
noch nicht ganz verwest sind, sondern vor allem um die Toten, die
sehon in ihr Alcheringa-Lager gezogen sind, die aber nichtsdestoweniger
in ihrem. Churinga gegenwärtig: sind und auch in ihrem
Nanja, der Gegend, in der ihr mystischer Urahne unter die Erde
verschwunden ist. ;
Es gibt hier Schwierigkeiten, die für das logische Denken unüberwindlich
sind, da dieses die Vielgegenwart (multipresence) der
Individuen, ihren gleichzeitigen Aufenthalt an mehreren verschiedenen
Orten nicht einsehen und zugeben kann. Es fällt uns schon schwer,
zu begreifen, wie der Tote vor dem Ende der Trauerzeit, d. h. also
vor seinem endgültigen Verscheiden, sein Grab mit dem Körper bewohnen
und zugleich im Haus, in dem er gelebt hat, etwa als eine
Art von Hausgott gegenwärtig sein kann; wenn dies auch in den
Augen der Chinesen zum Beispiel durchaus verständlich erscheint.
Um so mehr ist es uns unmöglich, die Kollektivvorstellungen der
Australier bezüglich der »gänzlich« Toten in ein Schema zu bringen,
das für unsere Vernunft vollkommen einleuchtend wäre, Wir können
weder die Individualität dieser Toten begrifflich klar definieren noch
eine befriedigende Vorstellung davon gewinnen, wie die wirkliche
Gruppe an der Existenz der Verstorbenen partizipiert und von diesen
»partizipiert wird«, um einen Ausdruck von Malebranche zu verwenden.
Sicher ist, daß diese reziproke Partizipation wahrhaftig besteht,
wie weiter oben gezeigt worden ist!), daß sie keineswegs mit dem,
was man in anderen Gesellschaften den Ahnenkult nennen mag, verwechselt
werden darf und daß sie die charakteristischen Merkmale
aufweist, die der prälogischen Geistesart eigentümlich sind.
Kommt ein Kind zur Welt, so bedeutet dies, daß eine bestimmte
Individualität wieder erscheint oder, genauer gesagt, wieder Gestalt
annimmt. Jede Geburt ist eine Reinkarnation. »Es gibt eine ungeheure
Menge von Gesellschaften, Neger-, malalisch-polynesische, australische,
Eskimo-, Indianergesellschaften (Sioux, Algokins, Irokesen, Pueblos des
Nordwestens), in denen: das. System der Reinkarnation (Wiederfleischwerdung)
des Toten und des Erbens der Vornamen in der Familie
oder im Clan die Regel ist. Das Individuum wird mit seinem Namen
1) Siehe oben, II. Kapitel, p. 70 ff.