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Full Text : Das Denken der Naturvölker

308 VIIL Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

großen Anzahl von niedrigen Gesellschaften gemeinsam ist. Bald sind
es die Kinder des weiblichen Geschlechtes, die getötet werden, bald
die des männlichen. Bald wird beiden Zwillingen der Garaus gemacht,
bald nur einem. von ihnen; wenn’ sie verschiedenen Geschlechts sind,
hier dem Knaben; dort dem Mädchen; die Zwillingsgeburten werden
übrigens in anderen Gesellschaften wieder als ein glückliches Ereignis
angesehen. Westermarclke hat eine große Zahl von Fällen gesammelt,
die sich auf diese Sitte beziehen.!) Die Erklärung, die dafür gegeben
wird, ist im allgemeinen eine utilitaristische: Die Mutter, die ein Kind
stillt, könne nicht ein zweites nähren. In den australischen Stämmen,
die von Spencer und Gillen studiert wurden, wird die Kindertötung
aus diesem Grund überall verübt. Aber wenn die Mutter dem Neugeborenen
 die Brust reicht, und wäre dies auch nur ein einziges Mal
geschehen, so wird es niemals getötet.?)
Indessen ist dieses Motiv nicht das einzige, auf das man sich
beruft. Beiden Abiponen zum Beispiel »nähren die Mütter ihre Kinder
drei Jahre lang und unterhalten während dieser Zeit keinerlei Beziehungen
 zu ihren Männern, die, dieser langen Enthaltsamkeit überdrüssig,
 oft eine andere Frau nehmen. Darum töten die Frauen ihre
Kinder nach der Geburt, aus Furcht, ‚sie könnten sonst von ihren Gatten
verstoßen werden ... Ich weiß von manchen Weibern, die alle ihre
Kinder, die sie auf die Welt brachten, töteten, ohne daß irgend jemand
daran gedacht. hätte, diese Tötungen Zu ‘hindern oder zu strafen.
Die Mütter beweinen mit aufrichtigen Tränen ihre Kinder, die infolge
einer Krankheit sterben; und dieselben Frauen zertreten kalt ihre
neugeborenen Kinder auf dem Boden oder richten sie auf irgend eine
andere Weise zugrunde«.?) Anderswo wieder beruft man sich nicht
auf die Notwendigkeit, den Gatten an sich zu fesseln, sondern auf
Gründe ökonomischer Natur. Bei den Indianern von Paraguay »hat
die Frau die grobe Arbeit zu verrichten, Nahrung aus Garten und
Feld zu bringen. Sie muß alles fortschaffen und mit sich tragen. — Die
Lenguas sind ein Nomadenvolk . .. Oft legen sie an einem Tag zehn
bis zwanzig Meilen zurück, wobei die Frau das ganze Mobiliar des
Hauses, .die Gefäße, die Wasserkrüge, die Felle und die Stoffe in
einem weiten netzförmigen Sack auf dem Rücken trägt. In einer Hand
hält sie eine Eisenstange, manchmal eine Katze, ein Huhn oder ein
anderes Haustier, und auf den Schultern sitzt das Kind. Der Mann
schreitet. vor ihr und ist bloß mit seinem Bogen und seinen Pfeilen
belastet... Es wäre einer Mutter absolut unmöglich, mehr als ein
Kind zu tragen und zu pflegen «.*)

1) Westermarck, Origin and development of moral ideas. I, p. 394 sqg.,
458 899.
?) Spencer and Gillen, The northern tribes of central Australia, p. 608—609,
s) Dobritzhoffer, An account of the Abipones. II, p. 97—98.
1) Hawtrey, The Lengua Indians of the Paraguayan Chaco. J, A. I. XXXI,

D.

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