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Full Text : Das Denken der Naturvölker

Einleitung. ;

hat nicht einmal die Anregung dazu gegeben und hätte sie zweifellos
zu der Zeit, da er seine »Politique positive« schrieb, als »müßig«
verdammt.
Inzwischen hatten andere die geduldige und ganz genaue Erforschung
 der geistigen Erscheinungen bei den verschiedenen Typen
der menschlichen Gesellschaft, deren Notwendigkeit Comte nicht wahrgenommen
 hatte, begonnen, und sie haben sie als Forscher, nicht
als Philosophen, mit Ausdauer weiter fortgesetzt, in der bloßen Absicht,
die Tatsachen kennen zu lernen und zu ordnen. Ich rede von den
Anthropologen und Ethnographen, ganz besonders von der englischen
Anthropologenschule. Das grundlegende Werk ihres Führers M. E.
B. Tylor, die »primitive culture«, erschien 1871, Es ist ein Markstein
in der Geschichte der anthropologischen Wissenschaft und war der Wegweiser
 für eine Anzahl eifriger und exakter Mitarbeiter, deren Arbeiten
ihres Vorbilds nicht unwürdig sind. Durch ihre Mühen wurde eine
sehr beträchtliche Menge von Dokumenten betreffend die Einrichtungen,
Sitten, Sprachen der sogenannten wilden oder .primitiven Gesellschaften
gesammelt, die zugleich besonders die hauptsächlichen Kollektivvorstellungen
 berücksichtigen. In Deutschland, in Frankreich folgten
Arbeiten derselben Art. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika
ließ das »Bureau of Ethnography of the Smithsonian Institute« ausgezeichnete
 Monographien über die Indianerstämme Nordamerikas erscheinen.

Aber je reicher, die Sammlung der Dokumente wurde, um so
auffälliger wurde eine gewisse Einheitlichkeit der Tatsachen. In dem
Maße, als die Gesellschaften von niedrigerem Typus in den entferntesten,
 manchmal antipodischen Gegenden der Welt entdeckt oder
besser studiert wurden, wurden außerordentliche Analogien zwischen
einigen unter ihnen, oft sogar genaue, bis ins kleinste Detail gehende
Ähnlichkeiten offenbar: gleiche Einrichtungen, gleiche religiöse oder
magische Zeremonien, gleicher Glaube und gleiche Gebräuche betreffs
der Geburt und des Todes, gleiche Mythen ete. Die vergleichende
Methode drängte sich sozusagen von selbst auf. Zylor in seiner »primitive
 culture« macht dauernd und sehr glücklich davon Gebrauch;
ebenso Frazer in seinem »Golden Bough« und andere Vertreter dieser
Schule, wie Hartland und Andrew Lang.
Auf-diese Weise waren sie die Vorbereiter, die unumgänglichen
Vorläufer der positiven Wissenschaft von den höheren geistigen Funktionen.
 Aber sie haben sie ebensowenig begründet wie Comte, wenn
auch aus anderen Gründen, Wieso hat sie die Anwendung der vergleichenden
 Methode nicht dazugeführt? War es aus Mangel an allgemeinen
 Problemen, die sie.sich hätten stellen sollen, oder aus dem
Grund, daß sie die primitiven Gesellschaften, nachdem sie sie untereinander
 verglichen hatten, nicht mit unserer Gesellschaft verglichen
haben? Nein; sondern die englische Anthropologenschule hat sich im
Gegenteil nach dem Beispiel ihres Oberhauptes mit Vorliebe damit be-
            
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