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Full Text : Das Denken der Naturvölker

310 VL Kapitel. Einrichtungen, denen Kollektivvorstellungen zugrunde liegen usw.

opfert, weniger verwunderlich machen. Man nimmt ihnen das Kind
ja nur. für einige Zeit weg. Sie werden‘ es wiederfinden, es wird
wiederkommen.
In Indien übten die Khonds die alte Sitte, sich der Kinder weiblichen
 Geschlechts zu entledigen, und :es. kostete die Engländer viel
Mühe, sie zum Verzicht auf diese Gewohnheit zu bringen. Sie entsprang
 aus Kollektivvorstellungen , deren Kern uns glücklicherweise
erhalten geblieben ist. »Wenn eine Seele geschickt worden ist, um
eine menschliche Gestalt zu beleben, so sind sie der Auffassung, daß
deren Aufnahme in einen Stamm erst nach der Feier der. Zeremonie,
durch die. dem. Kind sieben Tage nach der Geburt sein Name gegeben
 wird, vollendet ist; und sie halten an der seltsamen Lehre fest,
daß Boora (eine Gottheit) eine bestimmte Anzahl von Seelen absondert,
um sie in jeder menschlichen Generation zu verteilen. Infolgedessen
glauben sie, daß die Seele. eines neugeborenen Kindes, welches stirbt,
bevor es seinen Namen erhalten hat, nicht in den Kreis der Geister
des Stammes tritt, um so oft wieder körperliche Gestalt anzunehmen,
als es Dinga möchte, sondern daß es in die Masse der Geister, die für
jene Generation, der es angehört, bestimmt sind, zurückkehrt.« Daraus
erkennt man. nun die Gründe, die die Khonds in ihrem Handeln bestimmt
 haben. »Indem so: ein neugeborenes weibliches Wesen getötet
worden ist, verhindert man dadurch entweder, daß die Seele einer
Frau sich zur Zahl der Geister, die einem Stamm angehören, hinzugesellt,
 und gewinnt so die Möglichkeit, an ihrer Statt einen anderen
männlichen Geist zu erhalten, oder man erreicht wenigstens, daß die
Wiederkehr einer Frau in einen Stamm, wie sie durch eine neue weibliche
 Geburt gegeben wäre, auf einen viel späteren Zeitpunkt verlegt
wird.«1) Aber alles ist eben jener Idee untergeordnet, welche besagt,
daß das neugeborene Kind, da es nur ein unvollkommen lebendiges
Wesen ist, eigentlich nicht so stirbt wie ein Erwachsener. Man hat
bei ihm nicht ‚Partizipationen zu durchschneiden, da sie sieh ja noch
gar nicht gebildet haben. .
Wenn das Kind lebt, d. h. wenn seine Geburt aus irgend einem
Grunde nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden ist, so
hängt sein Wohlbefinden kraft einer mystischen Partizipation von der
Tätigkeit seines Vaters und seiner Mutter ab, von der Nahrung, die
die beiden zu.sich nehmen, von ihrem Tun und Lassen überhaupt etc.;
und wir kennen die Vorsichtsmaßregeln, denen sich die Eltern unterwerfen.
 Aber damit das Kind aus dieser Periode herauskommt, in der
sein Leben noch unsicher ist, unsicher wie es auch der Tod eines
Menschen nach seinem letzten Atemzug ist, ist es notwendig, daß es
in ‚einer mehr oder weniger verwickelten Zeremonie einen. Namen
erhalten habe. Mit anderen Worten, man muß bestimmen, .wer es
ist. Denn es handelt sich hier nicht darum, einen Namen für das

1) Macpherson, Memorials of service in India, P. 134,
            
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