Die Einweihung der jungen Leute. #28 315
er nicht die Einweihungsproben (Galo) bestanden hat; oder tut er
es doch, so würden seine Kinder getötet werden«.!) In der Tat könnten
diese Kinder, selbst wenn sie erwachsen sind, niemals »vollwertige«
Mitglieder des Stammes werden, da ja ihr Vater im Zeitpunkt ihrer
Geburt ein solches nicht gewesen ist. Indessen war es in gewissen
Gesellschaften, in denen die Einweihungszeremonien nur nach langen
Zwischenräumen gefeiert werden können, notwendig, ein Abweichen
von diesem Grundsatz zu dulden, und man sieht dort verheiratete
Männer und Familienväter gleichzeitig mit den jungen Leuten die
Proben bestehen. »Bonifaz führt als Beleg den Fall seines Onkels an,
der schon verheiratet war, aber erst mit ihm, dem damals etwa Elfjährigen,
aufgenommen wurde, solange hatte die Feier nicht stattgefunden.«
Und auch da sind diese Individuen noch in einer sehr
besonderen Lage, die dauernde Wirkungen hat. >»Es kann sich aber
auch der Fall ereignen, daß jemand schon verheiratet ist, ohne die
Weihe erhalten zu haben; solange das nicht der Fall ist, darf er das
Geisterhaus nicht betreten, und an den Zeremonien, von denen Frauen
and Kinder ausgeschlossen sind, nicht teilnehmen. Hat er noch keine
Kinder, so kann die Initiation an ihm noch in einer gemeinsamen
Feier vorgenommen werden. Sind aber bereits Kinder vorhanden, so
wird einem solchen wohl unversehens, auf einer Reise, die Vorhaut
amputiert; weil er aber nicht bei der gemeinsamen Feier aufgenommen
worden ist, so daß auch die Frauen um die Tatsache seiner Initiation
wüßten, darf er zeitlebens nur heimlich, ohne Vorwissen der Frauen
und Kinder, das Geisterhaus besuchen.« 2}
Die Einweihungszeremonien bezwecken also, das Individuum
»vollwertig«, es für alle Betätigungen eines rechtmäßigen Mitgliedes
des Stammes geeignet, es vollständig lebendig zu machen; so tötet
auch die Zeremonie, die die Trauerzeit beendigt, den Verstorbenen
ganz und gar. Das ist wohl auch die Definition von Spencer und Güllen,
die eine der allereingehendsten Beschreibungen davon gegeben haben.
Das engwura... »ist in Wirklichkeit. eine lange Reihe von Zeremonien,
welche sich auf die Totems beziehen und durch welche das, was
man die Feuerproben — sie bilden die letzten Einweihungszeremonien —
nennen könnte, beendigt werden. Wenn der Eingeborene alle bestanden
hat, so wird er das, was urliara genannt wird, d..h. ein völlig entwickeltes
Mitglied des Stammes«.3) Ich will nicht länger bei diesen
Gebräuchen verweilen; sie sind vielleicht von allen, die man gewöhnlich
in den niedrigen Gesellschaften trifft, am besten bekannt: man findet
reiche Zusammenstellungen von Tatsachen in »The Golden Bough« von
%) Dale, Customs of the natives inhabiting the Bondei country, J. A, LI.
XXY, p. 188 sqg.
?) P. W. Schmidt, Die geheime Jünglingsweihe der Karesan-Insulaner
(Deutsch-Neu-Guinea). Anthropos. II, 1907, p. 1032, 1087—1038,
3) The native tribes of central Australia, p. 271.