Die Einweihung der jungen Leute. 8 317
der Ausdauer der Neulinge (Novizen) zu versichern, die Probe auf
ihre Mannhaftigkeit zu machen, indem man erforscht, ob sie fähig
sind, dem Schmerz zu widerstehen und ihn zu verheimlichen. Aber
die ursprüngliche und hauptsächliche Wirkung, die gesucht wird, ‚ist
eine mystische, die in keiner Weise von dem Willen jener jungen
Leute abhängt: es handelt sich darum, zwischen ilinen und den
mystischen Realitäten, die das Wesen des sozialen Verbandes selbst
sind, also etwa den Totems, den mystischen Ahnen, eine Partizipation
herzustellen und ihnen durch diese Partizipation, wie man gesagt hat,
eine »neue Seele« zu geben. Hier stößt man auf die für unser logisches
Denken unausrottbaren Schwierigkeiten, die sich bei der Frage nach
der Einheit oder der Vielheit der Seele erheben, während für die prälogische
Geistesart nichts leichter vorzustellen ist, als das, was wir
die gleichzeitig einfache und vielfache Seele nennen. Ebenso ‚wie der
indianische Jäger Nordamerikas sieben Tage lang fastet und dadurch
ein mystisches Band zwischen sich und dem Geist des Bären knüpft, ein
Band, das ihm dazu verhelfen wird, dem Tier auf die Spur zu kommen und
es zu töten, ebenso stellen auch die Prüfungen, die den Novizen auferlegt
werden, zwischen diesen und den mystischen Wesen, an denen
sie partizipieren sollen, die Verbindung her, welche unumgänglich
notwendig ist, damit eben jene erstrebte Eingliederung in das soziale
Ganze erreicht wird. Es ist nicht das Materielle dieser Prüfungen,
auf das es ankommt. Es ist dies an und für sich ebenso gleichgültig wie
der Schmerz des Patienten für den Erfolg einer chirurgischen Operation
gleichgültig ist. Die Mittel, die die Primitiven verwenden, um die Novizen
in den Zustand der gebührenden Empfänglichkeit zu setzen, sind in
der Tat sehr schmerzhaft. Aber nicht deshalb, weil sie schmerzhaft
sind, greifen sie zu ihnen. Sie werden auch aus diesem Grund nicht
auf sie verzichten. Sie sind nur auf einen Punkt aufmerksam, auf den
es für sie einzig und allein ankommt: auf den Zustand besonderer
Empfänglichkeit, in den die Novizen versetzt werden müssen, damit
die begehrte Partizipation sich vollziehe.
Dieser Zustand der Empfänglichkeit besteht im wesentlichen
in einer Art von Entpersönlichung, von Bewußtlosigkeit, die durch
Ermüdung, durch Schmerz, durch Entkräftung, durch Entbehrungen
hervorgerufen wird, kurz, in einem scheinbaren Tod, dem ein Zustand
folgt, in welchem man sich wahrhaftig wie neugeboren fühlt. Man
redet auch den Frauen und den Kindern (die von diesen Zeremonien
abseits gehalten werden, widrigenfalls ihnen die schwersten Strafen
drohen) ein, daß die Novizen wirklich sterben. Man macht es die
Novizen selbst glauben und vielleicht teilen die Alten in einem gewissen
Sinn diesen Glauben. »Die Farbe des Todes ist weiß; und die
Novizen sind weiß bemalt.« Der Züge dieser Art gibt es unzählige
und es sind in diesem Punkte, wie /razer vortrefflich gezeigt hat, alle
Zeugnisse eines Sinnes. Aber wenn man sich daran erinnert, was Tod
und Geburt für die prälogische Geistesart bedeuten, wird man sehen,