334 IX. Kapitel. Übergang zu höheren Typen der Geistesbetätigung.
dies ein Zug, der sich sozusagen auf den ersten Blick hin in den
meisten Mythen offenbart —, sondern sie abstrahiert nicht, sie assozliert
nicht, und infolgedessen symbolisiert sie auch nicht auf die Weise,
wie dies unser Denken tut. So werden also unsere scharfsinnigsten
Vermutungen stets Gefahr laufen, auf unsicheren Grundlagen zu beruhen.
Wenn Cushing nicht von den Zumnis selbst die Erklärung ihrer
Mythen erhalten hätte — hätte jemals ein. modernes Gehirn den
Faden wieder entdeckt, mit dem man sich in jenem prähistorischen
Labyrinth zurechtfindet? Der genaue Kommentar der etwas
komplizierteren. Mythen setzt voraus, daß man sich wieder in die
Geistesart, deren Früchte sie sind, zurückversetzen kann. Unsere
geistigen Gepflogenheiten lassen es nun kaum erhoffen, daß man je
so weit kommen werde, es sei denn, ein Gelehrter ist ausnahmsweise
fähig, sich, so wie Cushing, einen »primitiven« Geisteszustand wiederanzuschaffen
und die vertraulichen Mitteilungen der Mitbürger seines
Adoptivvaterlandes getreulich niederzuschreiben.
Sonst kann selbst unter den allergünstigsten Bedingungen schon
die Verfassung, in der sich die Mythen befinden, wenn wir sie sammeln,
genügen, um sie unverständlich zu machen und um gegen jede zusammenhängende
Erklärung Mißtrauen zu erwecken. Wir haben meistens
gar kein Mittel, um zu erforschen, bis auf welche längst vergangene
Zeit sie zurückgehen. Wer gibt uns, wenn sie nicht erst in jüngster
Zeit gedichtet worden sind, die Gewähr dafür, daß nicht mehr oder
weniger beträchtliche Stücke daraus verschwunden sind oder daß nicht
Mythen, die ursprünglich voneinander verschieden waren, in ein
nicht zusammengehöriges Ganzes verschmolzen worden sind? Die
mystischen Bestandteile, die im Augenblick der Schöpfung des Mythus
die erste Rolle spielten, können. viel von ihrer Bedeutsamkeit eingebüßt
haben, wenn die Geistesart. der sozialen Gruppe sich gleichzeitig mit
ihren Einrichtungen und mit ihren Beziehungen zu den umgebenden
Gruppen weiterentwickelt hat. Kann nicht der Mythus, der allmählich
für diesen veränderten geistigen Zustand dunkel geworden ist,
verstümmelt, vervollständigt, verändert worden sein, um den neuen
Kollektivvorstellungen, die diese Gesellschaft beherrschen, gemäß gestaltet
zu werden? Kann diese Anpassung nicht gegen seinen einstigen
Sinn geschehen sein, indem man sich um die Partizipation, die der
Mythus ursprünglich ausdrückte, gar nicht bekümmerte? Nehmen wir
an, was gar nichts Unwahrscheinliches an sich hat, daß mehrere
aufeinanderfolgende Umänderungen dieser Art mit ihm vorgenommen
worden sind: welche Analyse läßt uns dann hoffen, die vollzogene
Entwicklung jemals wieder rückwärts zu verfolgen, die verschwundenen
Elemente wiederzufinden, die aufeinandergepfropften Widersinnigkeiten
zu entwirren und zu berichtigen? Dasselbe Problem rollt sich bezüglich
der Gebräuche und Riten auf, die oft durch Jahrhunderte fortdauern,
indem sie langsam ihre alte Gestalt ganz verändern, ganz