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Full Text : Das Denken der Naturvölker

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Einleitung.

Ähnlichkeiten dieser Art nicht zufällig sein können. So entscheidend
aber die Anhäufung der Tatsachen für jenen ersten Punkt auch ist, so
ist sie doch nicht von gleichem Wert, wenn es sich darum handelt,
zu beweisen, daß diese Vorstellungen ihren gemeinsamen Ursprung im
Glauben an den Animismus haben, in dieser spontanen »natürlichen
Philosophie«, die sich gleichsam als die erste Reaktion des menschlichen
 Geistes auf die Eindrücke der Umwelt darstellt.
Ohne Zweifel ist die so erhaltene Erklärung jedes Glaubens oder
jedes Gebrauches im allgemeinen plausibel und man kann sich wohl
das Spiel des geistigen Mechanismus vorstellen, welches jene Erscheinungen
 bei den Primitiven hervorgebracht hat. Aber sie ist nicht
mehr als plausibel. Und ist nicht die erste Regel einer vorsichtigen
Methode die, niemals das bloß Wahrscheinliche als bewiesen anzunehmen?
 So viele Erfahrungen haben die Gelehrten davon unterrichtet,
daß. das Wahrscheinliche selten das Wahre ist. In diesem Punkte
wird von den Sprachforschern wie von den Physikern, in den sogenannten
 Geisteswissenschaften wie in den Naturwissenschaften die
gleiche Zurückhaltung beobachtet. Hat der Soziologe Ursache, weniger
mißtrauisch zu sein?. Schon die Sprache der Anthropologen, die Form
ihrer Beweisführungen läßt deutlich ersehen, daß sie nicht über die
bloße Wahrscheinlichkeit hinausgehen, und auch die Zahl der angeführten
 Tatsachen erhöht den Wert ihrer Schlüsse nicht im geringsten.
Es herrscht. in den. niedrigen Gesellschaften fast überall der
Gebrauch, die Waffen, Kleidungsstücke, Gebrauchsgegenstände, ja sogar
 das Haus eines Toten zu zerstören; manchmal ist es auch Sitte,
seine Sklaven und Frauen zu opfern. Wie ist dies zu erklären? »Diese
Gewohnheit«, sagt Frazer!), »kann?) aus der Vorstellung entstanden
sein, daß die Toten den Lebenden, die sich ihren Besitz angeeignet
haben, feindlich gesinnt sind. Die Vorstellung, daß die Seelen der
so zerstörten Gegenstände den Toten in das Land der Seelen nachfolgen,
 ist weniger einfach und wahrscheinlich jüngeren Datums,«
Zweifellos kann diese Gewohnheit so entstanden sein; aber sie kann
auch anders entstanden sein. Die Hypothese Frazers schließt nicht
unbedingt jede andere aus, und seine Redeweise selbst gibt dies zu.
Was ferner das allgemeine Prinzip betrifft, auf das sich Frazer stützt
‚und das er selbst etwas später ausdrücklich formuliert: »In der Entwicklung
 des Denkens wie in der Entwicklung der Materie ist das
Einfachste auch das. in der Zeit Ursprünglichste«, so leitet es sich
ohne Zweifel vom System Sypencers her, ist aber darum um nichts
sicherer feststehend. Ich zweifle, daß man es in bezug auf die Materie
nachweisen kann. Was aber das Denken betrifft, so würde das, was
wir an Tatsachen kennen. eher auf. das Gegenteil schließen lassen.

1) 'Certain burial customs as illustrative of the primitive theory of the soul.
Journal of the Anthropological Institute of Great Britain (das ich im folgenden so
anführen werde: J. A. I.). XV, p. 75, note I, 1885.
2) Von mir gesperrt.
            
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