Die englische Anthropologenschule. Ihre Hypothesen. 9
Frazer scheint hier das Einfache mit dem »Undifferenzierten« zu verwechseln.
Aber wir werden sehen, daß die Sprachen ungemein kompliziert
Sind, welche die am wenigsten fortgeschrittenen unter den uns bekannten
Gesellschaften sprechen (nämlich Australier, Abiponen, . Bewohner
der Andaman-Inseln, Feuerländer ete.). Sie sind viel weniger
>einfach«, wenn auch viel »primitiver« als das Englische.
Ein anderes Beispiel aus demselben Artikel Frazers.!) In den
verschiedensten Gegenden war zu allen Zeiten die Sitte verbreitet, in
den Mund des Toten ein Korn oder eine Geldmünze oder ein Goldstück
zu legen. Frazer, bringt eine Menge von Belegen dafür. Dann
erklärt er sie folgendermaßen: »Es mag die ursprüngliche Sitte die
gewesen sein, in den Mund des Toten Nahrung einzuführen; später
wird man anstatt dessen einen wertvollen Gegenstand (Geld oder dergleichen)
gewählt haben, um den Toten in Stand zu setzen, seine Nahrung
Selbst zu kaufen.« Die Erklärung hat einige Wahrscheinlichkeit für
sich. Aber in einem Falle, wo wir sie nachprüfen können, ist sie
geradezu falsch. Diese Sitte besteht tatsächlich seit unvorgänglichen
Zeiten in China, und de root gibt uns ihren eigentlichen Grund an,
indem er sich an alte chinesische Texte hält. Das Gold und der Beilstein
(Jade) sind Substanzen, die unendlich! dauerhaft sind: »Es sind
dies Symbole der himmlischen Sphäre, welche unveränderlich, unzerstörbar,
unvergänglich ist und nie verdirbt. Infolgedessen statten das
Gold und der Beilstein (Jade), auch die Perlen die Personen, die sie
schlucken, mit Lebenskraft aus, Mit anderen Worten, sie steigern die
Intensität ihrer Seelen (sien), die, wie der Himmel, aus der Substanz
Yang bestehen: sie schützen die Toten vor Verfall und begünstigen
ihre Rückkehr ins Leben.«?) Man muß sogar weiter gehen: Die
Taoisten und medizinischen Autoren behaupten, daß, wer immer Gold,
Beilstein (Jade) oder Perlen schluckt, nicht nur sein Leben verlängert,
sondern auch die Existenz seines Körpers nach dem "Tode sichert,
indem er ihn vor der Verwesung bewahrt. Das bloße Vorhandensein
dieser Lehre beweist jedenfalls, daß deren Verkünder glauben, die sien,
die durch Herunterschlingen solcher Substanzen der Unsterblichkeit
teilhaftig werden, können sich ihres Körpers auch nach dem Tode
weiterhin bedienen und sogar körperlich in die Gefilde der Unsterblichen
gelangen. Das wirft ein neues Licht auf die den Alten wie den
Modernen gemeinsame Sitte, die Toten vor der Zerstörung zu bewahren,
indem man die drei kostbaren Substanzen in ihren Mund oder in eine
andere Öffnung des Leibes steckt: es war ein Versuch, aus ihnen »sien«
zu machen.) Man gibt übrigens den Toten das Notwendige zur Besorgung
von Einkäufen im Jenseits mit; aber man legt es ihnen nicht in
den Mund. Es handelt sich also wohl um einen Glauben, der
dem analog ist, nach welchem man in China die härtesten Holz-')
Ibid,, p. 77—79 (note). .
?) I. I. M, de Groot, The religious system of China. I, p. 271.
% Ibid, IT, p. 331-3392.