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Full Text : Das Denken der Naturvölker

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I. Kapitel. Die Wahrnehmung.

Werden wir uns zur Erklärung dieser Tatsachen an die laufende
Theorie halten, die sie auf eine bei den Primitiven ständige psychologische
 Illusion zurückführt? Diese wären demnach unfähig, eine wirkliche
 Wahrnehmung von einer anderen, die bloß scheinbar, wenn auch
deutlich ist, zu unterscheiden. In allen Fällen lebhafter Vorstellungen
würde sich der Glaube an die Objektivität dieser Vorstellungen bilden.
So läßt die Erscheinung eines Toten an seine wirkliche Gegenwart
glauben. Die Vorstellungen, die man im Traum von sich selbst hat,
indem man handelt, reist, mit entfernten oder verschwundenen Leuten
redet, diese Vorstellungen überzeugen davon, daß die Seele in der
Tat den Körper während des Schlafes verläßt und sich dahin begibt,
wohin zu gehen sie sich verpflichtet fühlt. »Die Verwirrung der Verwirrungen«,
 sagt Major Powell, »in der Gedankenwelt der Unzivilisierten
ist die des Objektiven mit dem Subjektiven.«
Ohne in allgemeinen Worten die Genauigkeit des psychologischen
Gesetzes, auf das man sich hier beruft, zu bestreiten, möchte ich indessen
 bemerken, daß es von der Art und Weise, wie sich die
Primitiven ihre Träume vorstellen, und von dem Gebrauch, den sie
von ihnen machen, nicht genügend Rechenschaft gibt. In erster
Linie unterscheiden sie die Wahrnehmungen, die ihnen in ihrem
Traum zuteil werden, sehr wohl von denen, die sie im Wachzustand
empfangen, mögen die beiden sich im übrigen auch noch so gleich
sein. Sie erkennen sogar. verschiedene Kategorien von Träumen an
und legen ihnen mehr oder weniger Wert bei. »Die Ojibbeways haben
ihre Träume in verschiedene Klassen geteilt und einer jeden einen
Namen gegeben; Der vortreffliche Bischof Baraga hat in seinem Sprachwörterbuch
 die Namemn- der Indianer für einen schlechten Traum, für
einen unreinen Traum, für einen unheilvollen "Traum wie auch für
einen guten oder glücklichen Traum zusammengetragen.«!) »Die Hidatsa
 haben großes Vertrauen in ihre Träume, doch sehen sie für gewöhnlich
 nur die als prophetisch an, die nach dem Gebet, dem Opfer,
dem. Fasten eintreten.«?) Die Primitiven bringen also in der vollen
Erkenntnis der Ursache und mit Bewußtsein der einen Art von Wahrnehmungen
 ebensoviel Glauben entgegen wie der anderen. Anstatt,
wie es geschieht, zu sagen, daß die Primitiven an das, was sie im
Traum wahrnehmen, glauben, obwohl es Träume seien, sage ich,
daß sie daran glauben, weil es Träume sind. Die »Illusions«theorie
ist unzureichend. Wie geht es nun zu, daß sie trotz ihres Wissens
um die bloße Geträumtheit des Traumes sich dennoch auf ihn verlassen?
 Man wird dies nicht durch das einfache Spiel des individuellen
 psychologischen Mechanismus erklären können. Hier ist es wiederum
unumgänglich notwendig, die Kollektivvorstellungen in Berechnung zu
ziehen, die aus der. Wahrnehmung wie aus dem Traum etwas schaffen,
das von dem, was diese für uns sind, ganz verschieden ist.
') Kohl, Kitschi Gami Wanderings round Lake superior, p. 236.
?) Dorsey, Siouan Cults. E. B. Rep. XI, p. 516.
            
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