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Full Text : Das Denken der Naturvölker

Unzugänglichkeit für die Erfahrung.

4.9

einem kwei, sei es von beiden zugleich.!). Bei den Fang in Ostafrika
sind die Geister überall: in den Felsen, in den Wäldern, in den Flüssen.
In der Tat ist für die Fang das Leben ein unaufhörlicher Kampf mit
den körperlichen und spirituellen Geistern.?) »In allen Handlungen
seines täglichen Lebens«, schreibt auch Miß Kingsley, »beweist der
afrikanische Neger, daß er in einer Welt von großen und mächtigen
Geistern lebt ... Bevor er auf die Jagd geht oder in den Krieg zieht,
reibt er seine Waffen mit einer magischen Substanz ein, um die
Geister, die sie enthalten, zu kräftigen; gleichzeitig spricht er mit
ihnen, erinnert sie daran, wie er um sie besorgt war, ruft ihnen 1ns
Gedächtnis, welche Geschenke er ihnen dargebracht hat und was er
sich für sie hat kosten lassen, und fleht sie an, ihn in der Stunde
der Gefahr nicht zu verlassen. Man kann ihn auch sehen, wie er sich
über den Spiegel eines Flusses beugt und zu dem betreffenden Flußgeist
 mit den gehörigen Beschwörungsformeln spricht; wie er ihn bittet.
das Boot eines Menschen, der sein Feind ist, in den Grund zu bohren
oder diesen zu ertränken; wie er ihm aufträgt, einen Fluch einem
stromabwärts gelegenen Dorf, das ihn beleidigt hat, zu überbringen
usWw.«5)
Miß Küngsley hat mit Nachdruck die Gleichartigkeit der
Vorstellungen der Primitiven in allen diesen Dingen betont. Sie
denken alles in Form von Geistern ... alles geschieht auf Grund des
Wirkens eines Geistes auf einen anderen.‘) Wenn der Arzt ein Mittel
anwendet, ist es der Geist des Mittels, der auf den Geist der Krankheit
wirkt. Die eigentlich physische Tat wird ohne die mystische gar nicht
begriffen. Öder richtiger, es gibt keine eigentlich physische Tat; es
gibt nur mystische Taten. Auch ist es fast unmöglich, den Primitiven
gewisse Unterscheidungen verständlich zu machen, wenn es sich z. B.
um eine Anklage auf Mord mittels magischer Gebräuche handelt.
Hier ein ganz charakteristischer Fall. »Ich erkläre«, sagt der Rev, Nassau,
»>dem Eingeborenen, mit dem ich rede, daß, wenn der Angeklagte bei
der Ausführung seiner fetischistischen Rituale nur irgend etwas getan
hat, was geeignet ist, das Leben zu vernichten, ich dann einer
über ihn verhängten Todesstrafe zustimme. Wenn er aber, selbst in
der Absicht, zu töten, Fetischdienste verrichtet hat, welche kein
Menschenleben gefährden können, so ist er des Todes, der eingetreten
ist, nicht schuldig, denn bloße Fetische können nicht töten. Aber
wenn er mit oder ohne Fetischdienst zu Gift gegriffen hat, so ist er
schuldig. «
»Trotz alledem«, fügt Nassau hinzu, »bleibt die Unterscheidung
zwischen Fetisch und Gift im Denken vieler Eingeborenen unbestimmt.
Was ich ‚Gift‘ nenne, ist für sie nur eine andere materielle Form

1) De Groot, The religious System of China. II, p. 51,
?) Bennett, Ethnographical notes on the fang. J. A. I. XXIX, p. 87,
’) Westafriean studies, p. 110.
‘) Ibid., p. 330.
Levry-Brühl, Das Denken der Naturvölker.
            
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