56
IL. Kapitel. Das Gesetz der Partizipation,
und G:en.1) In dem Fall des Porträts der Königin Viktoria ist die Erklärung
durch das Sophisma post hoc, ergo propter hoc offenbar unzulänglich.
Dieses Porträt war den Wilden schon lange, bevor die
Epidemie ausgebrochen war, bekannt. Sie ‘hielten ‘sich erst in vierter
Linie daran, nachdem sie hintereinander den Missionär, sein Schaf
und seine Ziegen beschuldigt hatten. Wenn sie nun auch jenes angriffen,
so ist es zweifellos um seiner magischen Fähigkeit willen,
die sie als diesem‘ außerordentlichen Gegenstand anhaftend annahmen.
Und der durch Sagard berichtete Fall bei den Huronen muß auf dieselbe
Weise interpretiert werden.
Man muß also, um diese Fälle zu verstehen und sie auf ein
gemeinsames Prinzip zurückzuführen, bis zum mystischen Charakter
der Kollektivvorstellungen wieder zurückgreifen und denselben Charakter
den Verbindungen zuerkennen, die die Vorstellungen im Geist der
niedrigen ‘ Gesellschaften eingehen. Die Folge in der Zeit ist ein
Element der Verbindung. Aber dieses Element ist nicht immer notwendig
und niemals zureichend. Denn wenn dies der Fall wäre, wie
ist es da zu erklären, daß die konstantesten und alleroffenbarsten Erscheinungsfolgen
den Primitiven oft entgehen? Z. B. »assoziieren die
Ja-luo das Tageslicht nicht mit dem Sonnenschein, sie betrachten sie
als zwei ganz verschiedene Sachen und fragen, was aus diesem Licht
über Nacht wird«.?) Dobrichoffer weist darauf hin, daß die Abiponen
unfähig seien, manchmal die in die Augen springenden Beziehungen
unmittelbarer Aufeinanderfolge zu erfassen. So »kann eine Lanze eine
Wunde zufügen, die schwer genug ist, um den Tod des Verletzten
vollauf zu erklären. Nichtsdestoweniger sind sie, wenn er stirbt, so
närrisch, zu glauben, daß das, was ihn getötet hat, nicht die Waffe,
sondern die mörderische Kunst der Hexenmeister ist... Sie sind
überzeugt, daß der Zauberer seinerseits zur Strafe für den Mord an
ihrem Verwandten sterben wird, wenn das Herz und die Zunge des
Hingegangenen sofort nach dessen Tod ausgerissen, auf Feuer geröstet
und den Hunden zum Fraß vorgeworfen werden. Obwohl auf diese
Weise schon viele Herzen und Zungen ‚verschlungen worden sind
und man nie einen einzigen Zauberer unmittelbar danach. hat sterben
sehen, bleiben die Abiponen darum der Sitte ihrer Ahnen nicht weniger
religiös verbunden, und reißen weiter das Herz und die Zunge den
Kindern und den Erwachsenen beider Geschlechter aus, sobald diese
ihren letzten Atemzug getan haben«.?)
So gehen nicht nur die auffälligsten Erscheinungsfolgen für den Geist
des Primitiven oft unbemerkt vorüber, sondern sie glauben oft auch fest an
Folgen, die sich niemals bewahrheiten. Die Erfahrung hat ebensowenig
Macht, sie von einem Irrtum abzubringen, als sie zu belehren. In
*) The northern tribes of central Australia, p. 31—32, -
g ?) Hobley, British East Africa. Karivondo and Nandi. J, A, I. XXXUI,
p. 358,
?) An account on the Abipones. II, p. 223.