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Full Text : Das Denken der Naturvölker

60 HT. Kapitel. Das Gesetz der Partizipation.

Wenn ihn der Regen überrascht und belästigt, wird er sich schützen
wollen. Wenn er ein wildes Tier trifft, wird er nachsinnen, wie er
ihm entkommen könne ete. Aber daraus, daß die Primitiven bei solchen
 Gelegenheiten so vernünftig urteilen werden wie wir, daraus,
daß sie ein unserem Benehmen ähnliches an den Tag legen werden
(was in den einfachsten Fällen auch die klügsten Tiere machen),
daraus folgt noch nicht, daß ihre geistige Betätigung immer denselben
Gesetzen gehorcht wie die unsere. In der Tat hat diese, soweit sie
kollektiv ist, ihre eigentümlichen Gesetze, deren erstes und allgemeinstes
 das Gesetz der Partizipation ist,
Die Materie selbst, an der sich dieser Geist betätigt, ist schon
von vornherein durch das Gesetz der Partizipation gestaltet worden.
Denn die Kollektivvorstellungen sind etwas ganz anderes als unsere
Begriffe. Diese, die die Materie unserer logischen Operationen sind,
sind schon, wie man weiß, die Ergebnisse früherer Operationen derselben
 Art. Das einfache Aussprechen eines allgemeinen abstrakten
Wortes wie »Mensch«, »Tier«, »Organismus« enthält virtuell eine
große Zahl von Urteilen, in denen bestimmte Beziehungen zwischen
vielen Begriffen mitinbegriffen sind.
„Aber, die Kollektivvorstellungen der Primitiven sind nicht wie
unsere Begriffe das Erzeugnis einer eigentlich geistigen Arbeit. Sie
enthalten, und zwar :als integrierende Bestandteile, emotionelle und
motorische Elemente und es sind in ihnen vor allem an Stelle dessen,
was Begrifflich zu ihnen gehört oder nicht, mehr oder weniger deutlich
 bestimmte, aber jedenfalls lebhaft gefühlte Partizipationen eingeschlossen.
 Warum sind z. B. ein Bild, ein Porträt für die Primitiven
etwas ganz anderes als für uns? Woher kommt es, daß sie ihnen solche
mystische Eigenschaften beilegen, wie wir sie weiter oben dargelegt
haben? Offenbar daher, daß jede Wiedergabe, jedes Bild an der Natur,
den Eigenschaften, dem Leben dessen, was von ihm abgebildet wird,
teilnimmt, »partizipiert«. Dieses Teilhaben, diese Partizipation darf nicht
in der Art und Weise einer Teilung verstanden werden, als wenn
das Porträt zum Beispiel einen Bruchteil von der Summe der Eigenschaften
 oder des Lebens, die das Modell auszeichnen, mit sich davontrüge.
 Der primitive Geist sieht keine Schwierigkeit darin, daß dieses
Leben” und diese Eigenschaften zugleich im Modell und im Bild
liegen. Kraft eines unter dem Gesetz der Partizipation vorgestellten
mystischen Bandes zwischen ihnen ist das Bild das Modell, wie die
Bororö Araras sind. Daher kann man von jenem erreichen, was man
von diesen erreicht, man kann auf dieses einwirken, indem man
auf jenes einwirkt. Desgleichen werden die Mandanhäuptlinge, wenn sie
sich von Catlin abbilden‘ lassen, ihren letzten Schlaf im Grabe nicht
in Ruhe verbringen können. Warum? Weil kraft einer unvermeidlichen
 Partizipation das, was ihrem Bild, welches fremden Händen ausgeliefert
 ist, geschehen wird, von ihnen selbst nach ihrem Tod nachgefühlt
wird. Und warum ist der Stamm selbst durch die Idee, daß die Ruhe
            
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