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Full Text : Das Denken der Naturvölker

Die prälogische Geistesart. 65
nehmbaren Sinn in ihnen finden konnten, haben sie oft der offenbaren
 Absurdität derselben dadurch zu begegnen versucht, daß sie die
Aufstellung mehrerer Seelen durch die Wilden annahmen. So wurde
es möglich, unter diesen Seelen das aufzuteilen, was mit einer einzigen
Seele unvereinbar und unverträglich gewesen wäre. So sprechen
Spencer und Grillen!) des öftern von vielfachen Seelen bei den Stämmen
Zentralaustraliens. Haddon spricht von »Teilen« der Seele bei den Eingeborenen
 der Meerenge von Torres. »Es war da ein Glaube, der besagte,
 daß ein Teil des Verstorbenen sich im Augenblick des Todes davonmache,
 während ein anderer verblieb, bis man ihn dadurch verjagte,
daß man ihn. erschreckte.«?) In Nordamerika ist die Mehrzahl der
Seelen die Regel. »Sie unterscheiden mehrere Seelen in einem Körper.
Ein Greis sagte uns vor einiger Zeit, daß einige Wilden bis zu zwei
oder drei Seelen hätten, daß die seinige ihn vor mehr als zwei Jahren
verlassen habe, um sich mit seinen dahingegangenen Eltern zu vereinigen,
 daß er nur mehr die Seele seines Körpers habe, die mit. ihm
ins Grab hinabsteigen müsse. Man erkennt dadurch, daß sie sich einbilden,
 daß der Körper eine eigene Seele habe, die einige die Seele
ihrer Nation nennen (?), und daß noch überdies andere dazukommen, die
ihn früher oder später verlassen, je nachdem, wie dies ihre Einbildungskraft
 entscheidet.«?) »Gewisse Hidatsa glauben, daß jedes
menschliche Wesen vier Seelen in einer vereinigt hat. Sie geben mit
deren Hilfe von den Erscheinungen des allmählichen Sterbens Rechenschaft
 — wenn die Extremitäten erkalten, ohne daß das Bewußtsein
noch verschwunden ist — indem sie annehmen, daß die vier Seelen,
eine nach der anderen, in verschiedenen Augenblicken fortgehen. Wenn
der Tod vollkommen ist, so sagen sie, alle Seelen seien fortgegangen
und hätten sich außerhalb des Körpers wieder vereinigt.«*) Die Mandans
 glauben, daß jede Person mehrere Geister habe, die in ihr
hausen; der eine sei weiß, der andere braun und ein dritter von
lichter Farbe, und dieser letzte allein kehre zum Herren des Lebens
zurück.5) Die Dacotas nehmen vier Seelen an: 1. Eine Seele des
Körpers, die mit ihm stirbt; 2. einen Geist, der immer mit dem Körper
zusammenbleibt oder in seiner Nähe verweilt; 3. die Seele, die für
die Handlungen des Körpers verantwortlich ist und die nach einigen
südwärts, nach anderen westwärts zieht. Die vierte bleibt immer bei
dem kleinen Haarbüschel des Toten, das seine Verwandten aufbewahren,
bis diese eine Gelegenheit finden, es in das Feindesland zu werfen, wo
es als Gespenst spukt, das Krankheit und Tod bringt.‘) Einige Sioux
Nehmen sogar fünf Seelen an. In Britisch-Kolumbien glaubt ınan, der

“The natives tribes of central Australia. P. 515. The northern tribes. P. 450.
”; The western tribes of Torres Straits. J. A. I. XIX, p. 817.
Relation du P. Lejeune (1639). P. 146.
) Dorsey, Siouan Cults. E. P. Rep. XI, p. 517.
5) Ibid,, p. 512,
°) Lynd, zitiert von Dorsey, ibid., p. 484.
L6vyy-Brühl, Das Denken der Naturvölker.
            
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