536 ; II. Kapitel. Das Gesetz der Partizipation.
Mensch habe vier Seelen. Diejenige, welche die größte Bedeutung
hat, hat die Form eines ganz kleinen Menschen; die übrigen sind
die Schatten der ersten. Wenn man krank ist, so rührt das daher,
daß die oberste oder die untergeordneten Seelen den Körper verlassen
haben. Die Schamans können leicht die Schatten wieder zurückkommen.
lassen, aber nicht die erste, wesentliche Seele. Wenn diese den Körper
verläßt, muß der Kranke sterben. Nach dem Tode geht sie nach
Westen, um dort. zu wohnen. Die Schatten werden Geister. Sie besuchen
die Gegenden, die der Dahingeschiedene am häufigsten
besucht hat, und sie handeln weiter in der Art, in der der Tote zu
seinen Lebzeiten gehandelt hat.')
Diese Beobachtungen, deren Zahl man leicht vermehren könnte,
sind weit davon entfernt, bezüglich dessen, was die Funktionen der
verschiedenen Seelen sind, übereinzustimmen. Sie alle bestätigen indessen
die Vielfältigkeit der Seelen in ein und demselben individuellen
Subjekt und die Verschiedenheit der Funktionen dieser Seelen. Sie
deuten allerdings nicht immer und nicht sehr klar darauf hin, daß
das Schicksal der einen und der anderen nach dem Tode nicht das
gleiche ist. Ist es nun nicht erlaubt zu denken, diese Vielfältigkeit
sei vor allem der Ausdruck dessen, daß es den Beobachtern unmöglich:
war, das, was ihnen die Wilden sagten, mit ihren eigenen vorgefaßten.
Begriffen von der Seele zu vereinen?. Die Mißverständnisse und die
größten Widersinnigkeiten waren unvermeidlich. Die Missionäre und
Beobachter gebrauchten Ausdrücke (Seele, Geist, Gespenst etc.), die
für sie durch eine lange religiöse, philosophische und literarische
Entwicklung bestimmt waren, und sie befanden sich in Gegenwart
von mystischen und prälogischen Kollektivvorstellungen, die nicht auf
die Form der Begriffe gebracht waren und die logischen Erfordernisse
sehr wenig beachtet hatten. So muß fast alles, was sie berichten,
in diesem Punkte verbessert und wieder eingerenkt werden.
Eine Beobachtung ist im allgemeinen um so verdächtiger, je leichter
sie sich mit dem geläufigen Seelenbegriff in Übereinstimmung bringen
läßt. Dafür verraten manchmal andere Beobachtungen eine charakteristische
Verlegenheit, oder sie bieten sogar das Bild einer unentwirrbaren
Unordnung, das wohl die Verwirrung widerspiegelt, in der
sich die betreffenden Forscher befanden.
Ich will nur zwei Beispiele dafür geben. »Es ist schwer, genau
zu sagen, wie sich die Fidschi-Insulaner das Wesen des unsterblichen
Teiles des Menschen vorstellen... Das Wort yalo hat folgende Bedeutungen:
Yalo, dem ein Suffixpronomen folgt, bedeutet Seele (mind),
z. B. yalo-ngu. Yalo mit einem getrennten Possesivpronomen bedeutet
Geist (spirit). Yalo yalo mit einem getrennten Possesivpronomen
bedeutet Schatten (shadow). Aus der Tatsache, daß das Possesiv-1)
Dr. Boas, The N. W. tribes of Canada. Reports of the british Association
for the advancement of seiences, 1894. P. 461.