Vorwort
VII
2. Die Darstellung durch den Forscher selbst bildet eine nicht zu unterschätzende
Fehlerquelle. Man hat in Monographien manchmal versucht,
der dadurch möglichen Entstellung teils durch wörtliche Schilderungen der
eingeborenen Gewährsmänner in ihrer eigenen Sprache zu begegnen, teils
durch ausführliches in die Einzelheiten eingehendes, nur beschreibendes und
statistisches Material. Allein derartigen zweifellos sehr exakten Angaben
haftet hie und da der Mangel an, daß sie zu keiner für unser Denken übersichtlichen.
Darstellung gelangen. Der befragte Eingeborene kennt nicht die
soziologischen. Probleme, und auf beschreibendem und statistischem Wege
allein kann man zur Beantwortung der sozial-psychologischen Fragestellung
vor lauter Einzelheiten nicht gelangen. Es muß daher alles drei gegeben
werden: die Außerungen der Eingeborenen, das statistisch-beschreibende
Material und das zusammenfassende Bild des Berichterstatters. Derartige
glänzende Auskunft erhalten wir aber nur in den allerseltensten Fällen und
müssen uns fast immer mit einem Torso begnügen, der viele Fragen, die wir
noch zu stellen hätten, unbeantwortet läßt. Zudem gibt es die sozial-psychologisch
„Blinden“, die entweder von einem romantischen oder anderem europäisch
befangenen Standpunkt aus den sozialen und politischen Gestaltungen
der Eingeborenen hilflos gegenüber treten. Das Studium der Gesellungsvorgänge
hat namentlich auch darunter gelitten, daß es manchmal in der
Hand von allzu einseitig eingestellten Medizinern oder Museumsleuten lag
oder sonst unter irgendwelchen Zeit- oder Modeströmungen litt.
Aus allen diesen Gründen findet man gutes und brauchbares Material
viel spärlicher, als nach der Fülle von Reiseberichten zu vermuten wäre,
Manchmal müssen Haufen von Schutt oder doch von anderem Baumaterial
durchwühlt werden, bis einige Goldkörner zum Vorschein kommen. Aber
auch die besten Quellen sind fast immer verhältnismäßig einseitig.
Es ist teils unmöglich, alle Quellen. restlos zu erfassen, teils ist fast jede
Quelle irgendwie aufmerksamkeitsbetont und erstreckt sich nur auf einen
Teil der gewünschten. Auskünfte. Eine Sichtung hat daher mit verschiedenen
Erwägungen zu rechnen: einerseits mit der Qualität der Quelle, andererseits
mit der Schilderung von solchen Phänomenen und Vorgängen, die für den
Zusammenhang wichtig sind oder wichtig zu sein scheinen.
Will man „realistisch“ verfahren und sich: streng nur an das Gebotene
halten, so bleibt nichts als ein Kompromiß übrig, das das jeweils zur Verfügung
stehende Material als Mosaiksteine zu einem Bild zusammen zu fügen
sucht, an dem leider immer noch viele blinde Stellen verbleiben. Der Aufbau
des vorliegenden Werkes geht von einer Geschichte der Völkerkunde als
Wissenschaft aus und zerfällt im übrigen in zwei Abschnitte, 1. eine Schilderung
der Gesellungstypen innerhalb ihres kulturellen Zusammenhanges
(1. Band) und 2. eine Darstellung der Einrichtungen und Lebensbräuche
in den Gesellungen selbst (2.—5. Band).
Wenn wir das weite Bereich der sozialen Gestaltung überblicken wollen,
müssen wir versuchen, das Ähnliche aneinanderzufügen und auf einen
gemeinsamen Nenner zu bringen. Bei einem solchen typisierenden Verfahren
können verschiedene Wege eingeschlagen werden. Wir konstruieren z. B. in