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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Der Zeremonialismus der Jibaros

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Nahrungsbeschaffung ist. Die erwähnten Auffassungen sind auch für die
geistige Haltung als „Pfleger“ der Gewächse bezeichnend. Dieser Sinn einer
pfleglichen Behandlung liegt dem Zeremoniell zu Grunde, das einer primitiven
 landwirtschaftlichen „„Wissenschaft‘““ entspringt.
Dabei ist die Vorstellung von einer großen Erdmutter Nungüi von Wichtigkeit,
 weil diese die Frauen sowohl den Feldbau gelehrt als auch alle Art
von Hausarbeit gezeigt haben soll, zu der insbesondere noch das Füttern
der Haustiere, des Schweines, der Hühner und der Jagdhunde gehört. Wenn
neue Pflanzungen angelegt werden, die Aussaat stattfindet, wird Nungüi
mit besonderen Gesängen angerufen. Ihr mythischer Gatte Shakaema verrichtete
 angeblich diejenige Arbeit, die auch bei den Jibaros den Männern
obliegt, nämlich das Roden des Waldes für die Anlage neuer Pflanzungen.
Wenn beim „Fest der Frauen“ oder bei anderen Gelegenheiten die verheirateten
 Jibaro-Frauen das narkotische Getränk nat&ma getrunken haben, so
erscheint ihnen nachher im Traum Nungüi und belehrt sie darüber, wie sie
die Felder richtig bestellen sollen, damit alles gut wächst und reichlich Frucht
trägt. Wenn Trockenheit eintritt und Hungersnot auszubrechen droht, erscheint
 Nungüi ebenfalls den Frauen und tröstet sie.
Ein mystischer Zusammenhang zwischen den Frauen und den Feldfrüchten,
 die sie kultivieren, aber auch den Haustieren, die ihrer
Sorge anvertraut sind, bildet den Anlaß zu einem wichtigen Fest, das veranstaltet
 wird, wenn ein Jibaro heiratet. Dieses Fest, das die „Tabakfeier““
der Frauen genannt wird, soll durch Anrufung des Tabakgeistes der künftigen
Hausfrau zu Fähigkeit und Kraft verhelfen, ihre verschiedenen häuslichen
Aufgaben und Pflichten in der rechten Weise zu erfüllen. Man nimmt an,
daß dann der Tabakgeist durch die verschiedenen Zeremonien von ihr Besitz
ergriffen und sie mit geheimnisvoller Kraft erfüllt hat. Von nun an auf viele
Jahre verfügt sie über die richtige Energie und Einsicht in der Wartung der
Haustiere und der Besorgung der Pflanzungen von Maniok, Bohnen, Camote,
Bananen usw., so daß diese alle sich recht entwickeln und reichlich Früchte
tragen. Auch ihren Gatten soll sie infolgedessen richtig zu bedienen verstehen
 und ihre Kinder ordentlich erziehen. Sollten später im Haushalt
Schwierigkeiten auftreten, so veranstaltet man ein neues Tabakfest.
Da bei den Jibaro die Frauen schon als Kinder verlobt werden, sucht man
diese beizeiten durch ein „kleines Tabakfest‘“, das bei Eintritt der Reife
abgehalten wird, auf ihren Beruf vorzubereiten. Wesentlich für die Tabakfeste
 sind lang andauernde Nahrungsbeschränkungen und Speisevorschriften,
 die nicht allein der Frau, sondern auch dem Manne auferlegt
 werden. Vor allem muß die Frau sich des Fleisches der betreffenden
Haustiere enthalten, da der Geist der betreffenden Tiere sonst in sie eingeht
and Krankheiten erregt (bekanntlich werden ziemlich. allgemein dia Krankheitserreger
 in Tierform vorgestellt; — jedoch nicht im modernen Sinn als
Mikroben). Selbstverständlich wurde der Tabak, der auf die Menschen anregend
 wirkt, gewählt, weil man ihm 1. die gleiche Wirkung auch für das
Wachstum der Pflanzen und Tiere, beziehungsweise deren Geister zuschrieb
und 2. weil man die anregende Wirkung gewissermaßen als etwas selbständig

8 Thurnwald I.
            
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