Vorwort
XI
5, endlich von den Geistesverfassungen, die sich a) auf die Träger und b) auf
die Gemeinden usw. verteilen. Für alle diese. unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten
zu gruppierenden Einheiten gelten andere Probleme und
Fragen des „Fortschrittes‘“. Die Fortschritts- und Entwicklungsfrage im
alten Sinn ist vor allem deshalb unlösbar, weil sie die heterogensten Dinge
in einen Topf wirft, und weil trotz aller philosophischer Verbrämung die
Fortschrittsfrage in der Regel nicht sachlich, sondern nach. Stimmung und
Geschmack behandelt wird.
Um dieses Problem hier nur. ganz kurz anzudeuten (vgl. dazu T. [29]),
sei auf die notwendige Unterscheidung der verschiedenen Kräfte der Kulturgestaltung
hingewiesen, auf die im Laufe dieses Buches noch wiederholt
eingegangen werden wird:
l, Ein irreversibler Akkumulationsprozeß wirkt im Sinne eines
„Fortschritts“, Dieser erstreckt sich vor allem auf die Erringung neuer
Fertigkeiten und Kenntnisse. Jede spätere Technik setzt eine frühere „primitivere“
voraus, Unser Wissen baut sich auf dem früherer Generationen
auf. Diese Tatsache macht sich jedoch nicht allein innerhalb des Gebietes
von technischen Fertigkeiten und Kenntnissen allein geltend, sondern sie
wirkt sich nach den verschiedensten Richtungen hin, jedoch in ungleicher
Weise, aus. Die Größe der politischen Gebilde z. B. ist ohne eine gewisse
Verkehrstechnik nicht möglich. Sei es Schiffahrt, sei es die Anlage von
Straßen, die Verwendung von Trag- oder Reittieren, von Wagen, oder schließlich
von Eisenbahnen, Flugzeugen Telegraphen usw. So greifen die technischen
Kenntnisse und Fertigkeiten gestaltend in die politischen Entwicklungsformen
ein. Das Lehenssystem hängt zu einem Teil mit der Naturalwirtschaft
zusammen. Die Entstehung gemünzten Geldes setzt eine gewisse
Technik in der Gewinnung und Behandlung der Metalle voraus und beeinflußt
so den Handel. Es ist fast überflüssig auf die große Bedeutung der
Technik für die Wirtschaft hinzuweisen. Wir brauchen nur an die speziellen
Fertigkeiten zu erinnern, die sich etwa mit dem Grabstockbau, den Bewässerungs-
und Entwässerungsanlagen, dem Halten gewisser Tiere verbinden,
gar nicht zu reden von der Rolle, welche die Technik für das Handwerk
spielt. Diese nicht-umkehrbaren Anhäufungsvorgänge von Fertigkeiten
und Wissen wirken sich aber für das Schicksal des staatlichen Ablaufes
nur so weit aus, als etwa eine besonders überlegene Bewaffnung, besondere
Methoden der Kriegsführung in Betracht kommen, oder aber das
Hereinströmen fremder Bevölkerungen, die sich im Besitz besonderer Fertigkeiten
befinden. Noch viel weniger wird die Bedeutung des irreversiblen
Akkumulationsprozesses greifbar etwa in der Veränderung von Heiratssitten,
für das Vaterrecht oder das Mutterrecht usw. Allerdings, wenn. wir
genauer zusehen, werden wir auch da Auswirkungen dieses Anhäufungsvorganges
finden. Die Herausentwicklung eines starken Patriarchats hängt
z. B., wie wir sehen werden, mit einer Zerschlagung der Sippenverbände
zusammen, einer Verselbständigung der Einzelfamilien und mit Sklavenbesitz.
Dergleichen Vorgänge finden wir jedoch nicht innerhalb des technischen
Horizonts von Wildbeuterstämmen, sondern namentlich dort, wo eine Über-