[38
Gruppierung und Ansätze zur Staffelung
besondere Beziehungen gibt es gewisse Freundschaftskategorien: Wahlfreundschaft
und Geburtsfreundschaft. Im ersteren Fall pflegt der Mann,
wenn er ein anderes Dorf besucht, sich dort bei seinem „Freund“ (vasila)
aufzuhalten, ohne Rücksicht darauf, welcher Sippe dieser angehört. Er darf
die Schwester dieses Freundes nicht heiraten oder mit ihr in irgend eine Beziehung
treten. Diese Freundschaft wird in zeremonieller Weise durch gemeinsames
Rauchen und Betelnußkauen eingegangen. — Das henamo-Verhältnis
kann nur zwischen Kindern des gleichen Geschlechtes eingegangen
werden, die am gleichen Tage geboren wurden und deren Väter gelegentlich
der Geburt der Kinder Geschenke ausgetauscht hatten. Doch scheint diese
Art Freundschaft namentlich zwischen der östlichen und der westlichen
Hälfte zu bestehen — somit eine Ambivalenz emotionell betonter Beziehungen
zwischen diesen beiden Gruppen — und hauptsächlich von denjenigen
Motu-Leuten als eingegangen betrachtet zu werden, die eine gemeinsame
Handelsreise (hiri) nach dem Papua-Golf um Sago unternommen hatten.
Bei dem oben erwähnten Geschenktausch unter den Vätern gibt der eine
einen Hund, ein Schwein oder einen Armring und erhält vom anderen eine
Gegengabe gleichen Wertes und fast immer auch gleicher Art.
Bei der Geburt des ersten Kindes findet eine besondere Zeremonie (heni)
statt, die auf Senioratstendenzen hinweist. Adoption insbesondere von
Mädchen kommt häufig vor. Der Adoptivvater ist gewöhnlich ein guter
Freund des Vaters. Das adoptierte Kind tritt in die Sippe seines Adoptivvaters
ein, wechselt somit seine Sippenzugehörigkeit. Aus diesem Grunde
kann die Sippe nicht als fester Blutsverband aufgefaßt werden. — Man
darf nicht den Wunsch aussprechen, ein Kind zu adoptieren, sondern muß
warten, bis man danach gefragt wird. Ein Mann kann seine Kinder auch
bei verschiedenen Adoptivvätern unterbringen. Die Adoption erfolgt jedoch
erst, nachdem die Stillzeit vorüber ist. Die Koita lassen ihre Kinder jedoch
nicht von den Motu oder umgekehrt adoptieren. Manchmal findet die Adoption
auch nur vorübergehend und für ein paar Jahre statt, wenn der Vater
mehr Kinder hat, als er vielleicht ernähren kann. In diesem Zusammenhang
sei an. die schon oben beschriebene Adoptionssitte der Leute von den Andamanen-Inseln
erinnert sowie auf die im folgenden noch zu erörternden Gewohnheiten
der Marind-anim aufmerksam gemacht.
Bemerkenswert sind die Heiratsgewohnheiten der Koita. Die Sippen sind
nicht exogam. Doch scheint eine genaue Untersuchung nicht auszuschließen,
daß sie früher exogam waren, während die der Motu wohl sicher nicht exogam
gewesen sind. Es gibt nur gewisse Heiratsverbote, die sich bis zum dritten
Grad der Vetternschaft erstrecken. Ein großer Teil der Heiraten findet unter
Angehörigen derselben Siedlung oder von benachbarten Dörfern statt.
Häufig sind Mischheiraten zwischen den Koita und den Motu (Slgm. C. G.
10] 414f£, 664££).
Die Organisation aller dieser und ähnlicher Gemeinden ist etwas Flüssiges
und Wandelbares. Die verschiedensten Ereignisse: Seuchen, Kämpfe, Wanderungen.
führen zu beständigen Verschiebungen in der Zusammensetzung
der Einheiten, aus deren Agglomeration die Gemeinden bestehen und die