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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Vorwort

XV

schiedener Kulturen finden, wie etwa die Blutrache oder das Asyl usw.
Derartige Beobachtungen zeigen unter anderem, daß die Lehre der Kulturkreisvertreter
 insofern erheblicher Korrekturen bedarf, als die Institutionen
nicht ohne weiteres mit gewissen sogenannten „Kulturkreisen“ identifiziert
werden dürfen, wovon in der Einleitung noch die Rede sein wird.
Auch die Institutionen sind nichts Festes und Unabänderliches. Aber
nicht allein in ihrer Form, sondern auch ihrem inneren Kern nach. In den
losen Vergesellungen der größten Zahl von Wildbeuterstämmen kommt ihnen
nicht diese Starrheit zu, die wir mit einer „Einrichtung“ zu verbinden
pflegen. Auch die Institutionen sind geworden. Sie stellen sich zunächst
ähnlich wie das Recht in seiner primitivsten Form als Wiederholung
eines voraufgegangenen Einzelfalles von Verhalten oder Reaktion
dar, der als „Muster“ dient. Man wird Vertreter von niedrigen oder mittleren
 Naturvölkern gewöhnlich vergeblich fragen, was sie in diesem oder
jenem Fall zu tun pflegen. Schon eine solche kasuistische Verallgemeinerung
überschreitet die zulässigen Ansprüche an die Abstraktionsfähigkeit. Es
ist ähnlich wie mit den Sprachen. Die schriftliche Fixierung macht sie haltbarer,
 aber auch spröder. Primitive Institutionen sind mehr persönlich
gebunden, mehr durch den Augenblick und seine Konstellation gefärbt.
So sehr auch sonst die Kontinuität von Herkommen und Sitte, von Gewohnheit
 und Nachahmung fremden Tuns sich durchsetzt, ergibt sich doch eine
außerordentliche Schmiegsamkeit der überlieferungsmäßigen Einrichtung für
die Individualität eines jeden Sonderfalles. Gerade dieser Umstand aber
erschwert, wie schon angedeutet, die Ermittlung und Aufzeichnung von
Institutionen durch den Europäer, der jederzeit geneigt ist, im schroffen
Gegensatz zum Eingeborenen, jeden Sonderfall zu verallgemeinern. In der
Tat werden kaum zwei Berichterstatter aus derselben Gegend durchaus das
Gleiche berichten, schon weil ein jeder andere individuelle Fälle sah, denen
er ungebührliche Verallgemeinerungen zu geben sich stets versucht fühlt.
Nur so sind auch die manchmal schulmeisterlich gehässigen Kritiken kurzsichtiger
 Reisender oder anderer Persönlichkeiten zu erklären.
Um diesen Umständen, der Individualität der Einzelfälle etwas mehr
Rechnung zu tragen, war es auch notwendig, die Institutionen möglichst
in den Zusammenhang des Geschehens und der anderen Einrichtungen
 zu setzen. Erst so erhalten die oft recht merkwürdigen und auf den
ersten Blick bizarr anmutenden Sitten ihren Sinn. Darum ist es aber nicht
ausreichend, irgendeine Darstellung der Gebräuche nur mit einer allgemeinen
„Etikette“ zu versehen, etwa davon zu reden, daß hier oder dort „Mutterrecht“
 herrscht, daß „Totemismus“ existiert, daß ein „Häuptling“ vorhanden
ist oder ähnliches. Gerade die Umstände und die besondere Schattierung
dieser oder jener Sitte, verleihen ihr erst Sinn und Bedeutung, ja, sind
manchmal viel wichtiger als die allgemeine Wortmarke. Die Bezugnahme
darauf, die Vermengungen mit dem Zeremoniell u, dgl., erforderten häufig
längere Ausführungen, die gerade dem soziologischen Leser, der den Zuständen
 im Leben der Naturvölker ferner steht, die Voraussetzungen des
Lebens und Denkens nahe bringt, in die eine Institution eingebettet ist.
            
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