XVII
Vorwort
Innerhalb der einzelnen und besonderen Gesellschaften hat man es abermals
mit einer Vielfältigkeit der Persönlichkeiten zu tun, die aus den
Varianten und der Intensität der Begabung in einer ebenso großen Mannigfaltigkeit
unter Naturvölkern wie unter Vertretern höherer Kulturen zur
Geltung gelangen. Dies tritt namentlich zu tage, wenn man sich klar macht,
daß in Einheiten von oft nur wenigen Dutzend Köpfen, die sich auf Männer,
Frauen und Kinder verteilen, Zauberer, Priester, Dorfhäuptlinge, Wirtschaftssachverständige,
Handwerker, Künstler, etwa Schnitzer oder Maler,
hervorragende Tänzer oder Sänger, besonders passionierte und erfolgreiche
Jäger, Krieger, Zeremonienmeister der Sippen, Erzähler von Mythen und
Sagen usw. sich befinden. Es tritt somit neben die gruppenweise Spezialisierung
noch eine persönliche. Diese bedeutet noch keineswegs eine Staffelung in
der Gemeinde, sondern nur eine Auszeichnung auf diesem oder jenem Gebiet.
Mit den Schichtungen und Staffelungen aber beginnt ein ganz neuer
Prozeß im Schicksal der Menschen. Damit ist die Lehre von einer besonderen
Wirkungskraft, von einem „Mana“ verbunden, das von einzelnen Persönlichkeiten
oder von Gruppen von Personen ausstrahlt. Es ist der Glaube an
eine Überlegenheit, die ursprünglich von den „Unterlegenen‘“ oder den
sonst sich unzureichend Fühlenden denjenigen, die man als überlegen
und stärker ansieht, entgegen gebracht wird. Der Punkt, von dem die
Überlegenheit ausgeht, wurde früher irrtümlich nur als rohe Gewalt angesehen.
Sicher mit dem allergrößten Unrecht. Es war die Auffassung
einer durchaus materialistisch gebundenen Epoche. Alle genaueren Untersuchungen
lehren, daß die Dinge nicht so grob zu deuten sind. Vor
allem dürfte es die Überlegenheit sein, die mit dem irreversiblen Akkumulationsprozeß
verbunden ist, also die höhere Technik und das reichere Wissen,
wenn das auch in zauberischem und mystischem Gewande auftrat. Nur
eine Funktion dieser Überlegenheit an Fertigkeiten und Kenntnissen bildet
z. B. die bessere Bewaffnung. Aber schließlich bedeutet diese nicht Macht
an sich, sondern nur ein Mittel zur Macht.
Von besonderer Bedeutung ist dabei die schon erwähnte Überschichtung
von Feldbauerstämmen durch Hirten und deren Vermischung miteinander,
Die Zusammenfassung verschiedener Stämme mit besonderen Spezialitäten
Jurch Hirtenvölker machte den Weg zur eigentlichen Staatsbildung frei.
Doch muß der Ansatz zu Staffelungen innerhalb der gleichen Gesellschaft
teils auf Überlagerungen, die inzwischen zum Ausgleich gelangt sind,
teils auf die Herausbildung besonderer wirtschaftlicher Wertsymbole
zurückgeführt werden. Sie knüpft an das vorhandene Großfamilien- oder
Sippensystem an und fügt ihm Gefolgsleute hinzu, wodurch kleinere und
größere Herrenhöfe entstehen, die in eine Rivalität miteinander gelangen.
Dabei ist von besonderer Bedeutung die Verwirtschaftlichung der
Frau, wie wir sie namentlich im westafrikanischen Gebiet antreffen, die auf
Monopolisierungsbestrebungen durch die Führer der Herrenhöfe hinauslaufen,
ohne daß jedoch die Stellung und das Wohl der Frauen dabei erheblich leiden.
Die völkerkundlichen Arbeiten haben bisher der politischen Gestaltung
nur wenig Beachtung zugewendet. Man hatte vergessen, daß die Heirats-