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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Würfelungs- und Berührungseinflüsse unter den sibirischen Goldi 223

bekannt ist, ging auch ein Teil von ihnen auf. Die Manschus versuchten
namentlich alle die nördlichen Tungusen aufzusaugen, die ihre Rentiere
verloren hatten und in die Zivilisation und Sprache der Manschus aufzugehen
 gezwungen waren. Die Goldi waren somit aller Wahrscheinlichkeit
nach ursprünglich ein Stamm der nördlichen Tungusen, vielleicht Rentierzüchter,
 die sich auch Evenki nannten. Gegenwärtig tragen sie Spuren verschiedener
 ethnischer Beeinflussung, der sie im Laufe der Geschichte ausgesetzt
 waren, und sind namentlich behaftet mit den Stempel chinesischer
und russischer Einwirkungen (Shirok. [26] 166ff).
In groben Zügen wurde hier versucht, die Fülle von Wanderungen und
Berührungen zu kennzeichnen, die uns das Geschick der Goldi dank den
Untersuchungen von Lopatin und Shirokogoroff enthüllt. Auch im einzelnen
sind Episoden aus diesen Ereignisketten von größter soziologischer Bedeutung,
 weil hier durch Tatsachen illustriert werden kann, was sonst der allzu
rationalistisch verfahrenden soziologischen Spekulation überlassen bleibt.
So sehen wir z. B. aus dem Folgenden, wie die Würfelung nebeneinander
'ebender Stämme zu Schichtungen führen kann.
In welcher Weise Wanderungen und Berührungen einerseits zusammenschließen,
 andererseits sprengend durch Annahme neuer Lebensformen
wirken, mag an den Wanderungen der Rentier-Tungusen gezeigt werden
(Shirok. [26] 162f£f, s. a. Klpr. [1826] 90). Im 12. und 13. Jahrhundert ereignete
 sich im Amur-Becken eine große Katastrophe. Einige große Kulturzentren,
 große Städte und Festungen, wurden durch eine Invasion der
Mongolen zerstört und die Bevölkerung vernichtet. Nach dem Zusammenbruch
 ihrer meteorhaften Expansion zogen in die leeren Gegenden im Becken
des Amur und Sungari die Negidals, Orochi und vielleicht Nugal, Stämme,
die teils Rentierzüchter waren, teils aber ihre Rentiere und was damit zusammenhing,
 verloren hatten. Die Bewegung nach Süden wurde außerdem
durch andere Tungusen-Gruppen unterstützt, die von Norden her nachdrängten.
 Indessen war der Unterlauf des Amur und Sungari schon seit
der ersten lange andauernden tungusischen Wanderung vom Süden her
besetzt. Die erste Wanderung, bei der die Chinesen sich östlich ausbreiteten,
 brachte die Tungusen oder ihre Vorfahren, die Prae-Tungusen, von
ihrer ursprünglichen Heimat im gegenwärtigen China zwischen Gelbfluß
und dem Yangtze-Fluß nach der Süd-Mandschurei und weiter. Diese Bewegung
 verband sich mit einer Rückwärtsbewegung nach Norden.
Die Vorfahren der Goldi trafen. auf eine Bevölkerung, die zivilisatorisch
sehr fortgeschritten war, und. fanden sich genötigt, ihre Gewohnheiten des
Lebens an Flußufern zu ändern. Die Vorfahren der Mandschus, die sich bereits
 in einem hohen Stadium der Assimilation an das Chinesentum befanden,
beeinflußten die Neuankömmlinge, die ihre früheren Bräuche und Sitten
allmählich verloren.
Dies geschah indessen nicht in gleicher Weise. Die Udehe, die isoliert in
einem unwirtlichen Winkel des Ussuri-Landes lebten, bewahrten ihre ur-Sprünglichen
 Traditionen besser als die Goldi. Letztere bildeten aber trotz
des starken Mandschu-Einflusses eine deutlich abgetrennte ethnische Ein-
            
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