Page Banner

Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

234

Hirten-Feldbauer-Mischkulturen von Afrika

wenn es sich um Streitigkeiten innerhalb des‘ Dorfes, als auch mit Fremden
handelte, Indessen standen ihnen keine Einrichtungen zur Verfügung, um
ihre Beschlüsse, wenn es zu solchen kam, durchzuführen, sondern ihr Einfluß
 war ein rein moralischer. Diese „Ratsversammlungen“ kann man daher
im besten Fall als Schiedsgerichte bezeichnen, aber nicht als Gerichtshöfe.
Noch weniger besaßen sie irgendeine Exekutivgewalt, Obgleich es eine
Reihe von traditionellen Bußen gab, griff man immer wieder zur Gewaltanwendung
 und zur Blutrache. Die Einzelfamilie fand in dieser Richtung
Schutz an der Sippe, zu der sie gehörte. Die Blutrache konnte oft mehrere
Generationen hindurch andauern. Mord war früher nur schwer durch Buße
zu sühnen, dagegen genügte bei Ehebruch die Zahlung einer Kuh, einer
Färse und eines Stieres an den Gatten der Frau. Doch kann der Beschuldigte
sich durch Anrufung eines Gottesgerichtes reinigen, z. B. durch Besprechen
einer Ziege. Wenn diese uriniert (was im Sinne einer Ejakulation von Semen
gedeutet wird), so wird er als schuldig erkannt, wenn sie jedoch. defäziert
oder nichts von sich gibt, als unschuldig betrachtet (204ff).
Wie sehr die Lango, obwohl die J agd hier, wie auch in Südafrika, eine
nicht unbedeutende Rolle für die Ernährung spielt,.und obgleich die Männer
auch beim Feldbau helfen, im Grunde doch die Hirtentradition noch immer
hochhalten, zeigt ihre intensive Liebe für ihr Rindvieh. Nicht selten erheben
die Frauen einen Klagegesang geradeso wie für einen menschlichen Toten,
wenn ein Stück Rindvieh umgestanden ist oder bei einem feindlichen Einfall
getötet wurde. Dieses Verhalten kann nicht mit der Deutung erledigt werden,
daß das Rind „den wertvollsten Besitz‘ der Leute bildet, zumal es tatsächlich
 gar nicht die Grundlage ihrer Ernährung ausmacht. Es sind ideelle,
oder besser „gefühlsmäßige‘“ Momente, welche die Lango mit dem Rindvieh
 verbinden, ähnlich wie es auch bei den Dinka, den Massai und zahlreichen
 anderen Stämmen des östlichen Afrika der Fall ist. Sowohl Rindvieh
als auch Ziegen und Schafe können von ihren Besitzern noch lange, nachdem
sie von ihnen weg waren, oder selbst wenn sie in einer großen fremden. Herde
eingereiht sind, erkannt werden. Ja, der Besitzer kann sogar die Nachkommenschaft
 einer Kuh, die durch seine Hand gegangen ist, und deren weitere
Geschichte feststellen, ohne daß Brandstempel in Anwendung kommen.
Zwei bis drei Rinderarten, deren Verbreitung mit Raubzügen zusammenhängen,
 werden angetroffen. Auch hat die Rinderpest in .den neunziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts die Bestände in einzelnen Gegenden empfindlich
 geschädigt und verschoben. In den Herden kommen viele Bullen
vor, weil die Lango, nicht so wie die Massai, diese nicht töten. So kommt es,
daß eine Herde manchmal zu einem Drittel aus Stieren besteht.
Die Herdenwirtschaft ist nicht ganz einfach. Wenn ein Dorf nur wenig
Rindvieh hat, wird dieses bei Freunden außerhalb untergebracht, um sich
die Mühe der Errichtung einer Hürde, eines Kral, zu sparen. Aber auch
in Dörfern, wo eine Hürde besteht, vergeben die Dorfbewohner ihre Kühe
an Freunde außerhalb, um sie von geeigneten Bullen belegen zu lassen.
Dort verbleiben sie, bis sie gekalbt haben, manchmal mehrere Jahre. Die
Hüter der Pflegebefohlenen werden entsprechend der Länge an Zeit ent-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.