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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Der Sudan

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ditionen des Hirtentums erhalten blieben. Dort ist die Bevölkerung von Kuhhirten
 offenbar von vorneherein verhälinismäßig sehr schwach an Zahl gewesen
und wurde mit der Zeit von den Feldbauerstämmen, mit denen sie sich vermischte,
zu einer kulturellen Einheit verschmolzen, in der u. a. nur der Gedanke an ein
autoritäres Häuptlingtum festen Fuß faßte und zu einem Dauerbesitz wurde.
Diesen steht eine bodenständige Sippenorganisation der Feldbauern gegenüber,
die nur selten ihre wirtschafilich-politische Bedeutung verlor.
Im sudanesischen Gebiet dagegen sind vielerlei Völker verschiedener Herkunft
und Methoden des Nahrungserwerbs und der Lebensführung durcheinander
gewürfelt. Die ethnischen Einheiten zeigen unter dem vielfach ausschlaggebenden
Einfluß des Rindenhirtentums (nicht von Kamelhirten wie im Norden) die
Tendenz, ähnlich wie in Uganda und Ruanda, ein kastenmäßiges Eigenleben
zu führen. Denn das Hirtentum wirkt nicht assimilierend wie der Feldbau,
sondern läßt den einzelnen Gruppen die selbständigen Traditionen ihres Nahrungserwerbes
 oder ihrer handwerklichen Spezialitäten, um zu vorteilhaften
Tauschabkommen zu gelangen, die praktisch bald auf Tribute hinauslaufen.
Auch hier zeigt sich, ähnlich wie in Ostafrika, ein verhältnismäßig friedliches
 Verhalten der zunächst einsickernden Rinder-Hirtenstämme. Der Übergang
 zu kriegerischen Unternehmungen dürfte erst später, teils dadurch herbeigeführt
 worden sein, daß eine Sicherung der Tributleistungen notwendig war,
teils durch den Umstand, daß fremde Stämme sich unter den Schutz der Hirten
stellten, die auf solche Weise Gefolgschaft erhielten, die ihnen zahlenmäßig
eine Überlegenheit sicherte und so eine Ausdehnung ihres Einflusses ermöglichte.
 Die Erfolge scheinen bei einzelnen Gruppen zu Raub und Kampforganisationen
 geführt zu haben. ;
Schließlich dürfen wir nicht vergessen, daß der Sudan diejenige Gegend
Afrikas ist, die am reichsten an geschichtlicher Vergangenheit ist, wenn auch
ein gut Teil davon sich bis heute noch in Dunkel hüllt. Seit den Zeiten der
Pharaonen des alten Ägypten, während der Zeit der kolonialen Expansion
Karthagos, in nächster Nachbarschaft der griechischen und römischen Ein-Flüsse
 auf die nordafrikanische Küste bildete der Sudan das Hinterland, zu
dem unmöglich nicht auch Gedankenwellen aus diesen zeitweiligen Zentren
der Kultur hätten dringen müssen. Ja, vielleicht schlummert noch der Rest
einer eigenen Berberkultur ältesten Datums ungehoben unter Sand und Schutt.
So ist hier der geschichtliche Kontakt immerhin greifbarer als an anderen Orten
Afrikas oder bei anderen „Naturvölkergemeinden‘‘.
Die Staatsbildung im Norden des eigentlichen Westafrika, im Sudan, in
den Gegenden also, in denen zunächst die Hirtenstämme der Berber mit der
negroiden. Feldbauernbevölkerung sich berührten und in die wieder Völkerwellen
 und Kulturströmungen vom Osten her einwirkten, die Handwerk
und Handel befruchteten, hat einen wesentlich anderen Charakter als weiter
im Süden. Das Hirtenelement ist hier einflußreicher; der Landschaftscharakter,
 insbesondere das Fehlen verkehrshindernder Flüsse und Gebirge sowie
großer Wälder, die verhältnismäßig weiten Ebenen machten eine leichte
Verbindung der Völker möglich (Meyer P. C. [97]; Delaf, [12]). Seit dem Mittelalter
 kam es hier zu teilweise mächtigen Staatsgebilden, die bis weit nach
            
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