EINLEITUNG
$ 1. Ethnologie und Ethnographie.
Die Ethnographie vermittelt, so wie die Geschichte, Tatsachen. Gewöhnlich
beziehen sich allerdings die ethnographischen Tatsachen auf die Ausrüstung
des Lebens, die Einrichtungen und den Glauben einer Gesellschaft.
Sie sind jedoch auch historisch „geworden“, wenngleich wir diese Geschichte
in der Regel nicht kennen oder nur vage zu konstruieren vermögen. Indessen
sind auch politisch historische Schicksale vereinzelt, z. B. aus Afrika, bekannt
geworden. In dieser Einmaligkeit und Einzigkeit der Erscheinungen
und Tatsachen liegen die starken Berührungen zwischen der Ethnographie
und der Geschichte. Ähnlich wie die Demographie, Wirtschaftskunde, Soziographie
u. dgl. berichtet und beschreibt die Ethnographie. Völkerkunde
verdeutscht nur den Begriff der Ethnographie, nicht den der Ethnologie.
Sucht man ein geeignetes Wort, um Ethnologie zu übersetzen, so würde man
vielleicht am besten von „Völkerforschung‘“ reden.
Die Ethnologie will über das Beschreibende hinaus und möchte die Fülle
der Erscheinungen und Tatsachen oder dessen, was dafür gilt, geistig meistern.
Zu diesem Zweck muß sie Übersichten gewinnen, vergleichen und zusammenfassen
und sich einheitlicher Gesichtspunkte bedienen.
_ Diese Gesichtspunkte sollen aber auch aus dem Material selbst sich ergeben.
Nur dann ist die Sicherheit vorhanden, daß wir ein Gebiet erkenntnismäßig
erschlossen haben. Die Anwendung fremder Gesichtspunkte, wie etwa aus
der Biologie, birgt immer die Gefahr, daß Bilder oder Symbole für echt genommen
werden, ein Fehler, der für ein unexaktes Denken stets charakteristisch
ist.
Allein es ist außerordentlich schwierig, auf induktivem Wege Übersicht
und Einsicht zu gewinnen, da das ethnographische Material so überaus
vielseitig ist, von allen möglichen Zonen, Rassen und Kulturen stammt.
Stets herrschte die Versuchung, Gesichtspunkte, die man von der Ordnung
anderer Erscheinungen gewonnen hatte, „Logophoren‘“, Sinnträger, zu benutzen,
um an passend zusammengesuchtes Material rasch eine Stuckfassade
von Bildern oder Symbolen zu heften, um so eine Struktur der ethnologischen
Phänomene vorzutäuschen.
Ein solches Verfahren stellt z.B. die grobe Anwendung der alten Entwicklungslehre
in der Ethnologie dar. Es ist ähnlich wie etwa die Anwendung
physikalischer, mathematischer oder biologischer Gesichtspunkte in der
Soziologie. Die Verwendung von Symbolen aus anderen Forschungsgebieten
verzerren und entstellen die Ordnung und die Zusammenhänge an einem
wesensfremden. Material ganz anderer Dimensionalitäten.
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