Die soziale Rolle des Hirtentums
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richtigungen. Man hat vielleicht mehr aus politischem Ressentiment denn
aus Kenntnis der Tatsachen Theorien aufgestellt, die in recht einfacher
Weise eine Entstehung des Staates aus „Unterwerfung“ erspekulierten. Die
Dinge müssen wir uns sehr viel umständlicher und auch keineswegs immer
gleichartig vorstellen. Wir sahen, daß ein freiwilliges Aufsuchen von
Schutz bei Stärkeren und Mächtigeren sowohl von Einzelnen wie von
ganzen Gemeinden, Sippen oder Sippensplittern unternommen wurde,
wodurch die letzteren in eine Abhängigkeit gerieten. Dem brauchen keineswegs
Kämpfe vorausgegangen zu sein. Vielfach waren, wie wir sahen, derartige
Klientelverhältnisse das Ergebnis von Verschuldung, also von wirtschaftlichen
Vorgängen, nicht von Gewaltanwendung.
Derartige Verschuldungen entstanden namentlich dort, wo der Sippenverband
wirtschaftlich oder politisch bereits erschüttert war. Die Erschütterung
selbst dürfte vor allem entweder durch Kriege und Kämpfe herbeigeführt
worden sein, oder aber durch Erwerb von irgendwelchen persönlichen
Auszeichnungen, sei es durch Beute an Sklavinnen oder Sklaven
(Kindern) in Kriegen, sei es durch das Auftauchen von Stämmen mit neuen
Tierarten, wie etwa mit Rindern bei Pferdezüchtern oder mit Kamelen in
den Gegenden, in denen man Esel, Ziegen und Schafe hielt, oder endlich
durch andere Wertträger wie Muscheln (Kauri), Gold-, Kupfer- und Eisenringe
und dgl. Dadurch entstanden Rivalitäten um das soziale Ansehen
unter den einzelnen Familien und machten die Bahn frei für eine
mehr oder minder weitgehende Verselbständigung der Kleinfamilien mit
ihrem Besitz an Knechten und Mägden und für die Entstehung von Herrenhöfen.
Bestand ein Sippenverband noch weiter, so mochte dieser auf zeremonielles
und religiöses Gebiet beschränkt bleiben. Man: wird daher gut
tun, wenn man von „Sippen“ spricht, jedesmal zu beachten, worin die gemeinsame
Betätigung der Sippe liegt.
Nicht immer müssen es auch kriegerische Handlungen gewesen sein, die
die Wildbeuter veranlaßten, sich Feldbauern zuzugesellen, oder die den Feldbauern
als Anreiz dienten, sich in den Schutz von Hirten zu begeben. Dabei
muß man weiterhin einen Unterschied machen zwischen solchen Einzelfällen
and dem Übergang ganzer Gemeinden. Einerseits hat sicher der Anblick
der Hirtenstämme mit ihren Herden, besonders von Großvieh, sowohl auf
Wildbeuter wie auf Feldbauern einen höchst ungewöhnlichen und mysteriösen
Eindruck gemacht, etwa so wie auf uns ein Dompteur. Dadurch
war die Veranlassung gegeben, den Hirten eine mystische Bedeutung im
Sinne von Trägern besonderer Kräfte, eines „Mana“, beizulegen und ihre
Überlegenheit anzuerkennen. Das Überlegenheitsgefühl, das wir so häufig
bei Hirten gegenüber Feldbauern finden, ist ihnen, wie in allen derartigen
Fällen, zunächst durch die Gegenseite ermöglicht worden. Tatsächlich hat
die Weidewirtschaft die Sorge für die richtige Auswahl der Weiden und
das zweckmäßige Betreuen der Tiere ein großzügigeres Disponieren und
einen weiter reichenden Überblick über wirtschaftliche und soziale Vorgänge
bei den Hirten unterstützt und sowohl in örtlicher Beziehung wie geistiger
Hinsicht eine Orientiertheit hervorgerufen, die sie zu überlegener Führer-