Die soziale Rolle des Hirtentums
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der Sippe und ermöglichte auch das Aufkommen eines prominenten Häuptlingtums.
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Der anderen Art der Mischung liegt ein weitläufigerer und interessanterer
Prozeß zugrunde. Er hat seinen Ausgangspunkt zunächst in einer scharfen
Isolierung der Hirten, Feldbauer und Wildbeuter voneinander, wie etwa
in Uganda; eine Isolierung, die um so leichter aufrecht zu erhalten war, als
jede der Hauptmethoden der Nahrungsgewinnung auch eine andere geographische
Beschaffenheit des Landes zur Voraussetzung hatte und die betreffenden
Spezialisten sich die ihnen am geeignetsten dünkenden Ländereien
reservierten. — Indessen läßt sich bei dauernder Nachbarschaft eine
Abschließung der durcheinander gewürfelten Sippen und Stämme nicht
Jurchführen. Es entstehen Mischungen, die nicht nur anthropologisch von
Wichtigkeit sind, sondern die auch eine Veränderung in den Traditionen,
herkömmlichen Einstellungen und Wertungen herbeiführen. Ihre soziologische
Bedeutung beruht darin, daß die Mischlinge anfangen, eine Zwischenschicht
zu bilden, die einerseits von den Hirten nicht voll genommen wird,
andererseits unter den Feldbauern sich höheren Ansehens erfreut. Dadurch
geben sie wohl Anlaß zu einer teilweisen Überbrückung der Isolierung,
schaffen jedoch andererseits neue Spannungszustände, die vor allem auf
die Zweitklassigkeit ihrer Stellung zurückgeht. Es scheint, daß gerade sie
sich zum Ausgleich dieser Unterordnung besonders hervortun wollen. Dieses
wiederum führt teils zu kriegerischen Unternehmungen mit Fremden, teils
dazu, sich gegen ihre Feldbauernschaft besonders aufzuspielen, ihre Ansprüche
diesen gegenüber zu steigern und den symbiotischen Austausch in einseitige
Besteuerung ohne Entgelt umzuwandeln. Die großen kriegerischen Organisationen,
die wir z. B. unter den Sulu Südafrikas oder unter den Mandschus
von Sibirien finden, gehen gerade auf ehrgeizige Mischvölker zurück.
Das Besteuerungssystem verbindet sich‘ mit einem Verteilungsmechanismus,
dem außerordentlich große Bedeutung für die Staatsbildung
zukommt. Es wurde schon betont, daß diese Verteilungsgewalt des
Herrschers eine Einrichtung ist, die wir schon vom primitivsten Wildbeutertum
her kennen. Nur spielt sie dort eine andere Rolle insofern, als die Gemeinde
klein ist und die Beiträge von den Mitgliedern stammen, an die sie
verteilt werden. Aber schon die Zeremonien der Sulava (Trobriand-Inseln)
oder der Potlatsches der Nordwestamerikaner zeigen eine bevorzugte Verteilung,
allerdings wesentlich zeremoniellen Inhalts, wenn auch nur gelegentlich
bestimmter Feste durch den Häuptling. In Äthiopien wiederum
hat die Verteilungsgewalt eine große Bedeutung für den Unterhalt erlangt
wie bei den Wildbeutern, ihr fällt jedoch eine ganz andere Funktion
zu, nämlich daß sie einen Teil der Mitglieder des Gemeinwesens zu Gebenden
stempelt, andere zu Empfangenden. Der Empfang fällt den Beamten des
Königs zu, also den von ihm beauftragten Leuten, die sich von allen möglichen
Seiten her rekrutieren, zunächst um seine Macht überhaupt zu stützen, dann
aber, um eine „Verwaltung“ als Institution aufzubauen, die nicht von mehr
oder minder zufälligen Einzelpersönlichkeiten und deren Leistungen abhängt,
sondern von unpersönlichen Ämtern.
18 Thurnwald I.