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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Einleitung

17. und 18. Jahrhundert bei der Charakteristik von Menschengruppen, wenn
es von „Anthropologie“ spricht, nur nebenher an Naturvölker. Reisewerke
las man nur um der Erlebnisse und Abenteuer willen.

$ 5. Die Entstehung der Völkerkunde.
Wieder eine völlig neue Einstellung und Deutung gegenüber den Fremdvölkern
 bereitet sich durch die Aufklärungsphilosophie vor, die nach
den großen Religionskämpfen ein überkonfessionelles. wahres Christentum,
mit Hilfe der Vernunft eine natürliche Religion schaffen und auch das
gesellschaftliche Leben nach den Erkenntnissen und Gesetzen der Vernunft
 regeln möchte. Als Ziel schwebt ihr die Glückseligkeit aller vor. Wo
ist sie aber zu finden und wie? Rousseau, der sich zwar gegen die Herrschaft
 der Vernunft wendet, macht die Kultur, für alles Unglück verantwortlich.
 Daher verlangt er, die Kultur abzuwerfen und zur natürlichen
Einfachheit der Kulturlosigkeit zurückzukehren, zu einem paradiesischen
 und natürlichen Urzustand. Ja, so weit ging er, daß er sogar den
aufrechten Gang verwarf, nur der vierfüßige sei naturgemäß.
„Natur“ ist unter den Völkern zu finden, bei denen ein jeder sich damit
begnügte, sich in Tierfelle zu kleiden, sich Bogen und Pfeile oder ein einfaches
 Boot zu bereiten, kurz: so lange er nur Arbeiten kannte, die ein jeder
für sich allein verrichtete, war der Mensch frei, gesund und glücklich.
Unter dieser romantischen Abkehr von den eigenen Verhältnissen und
Zuständen wurde die Fremde und Ferne vergoldet. Eine völlige Umkehrung
greift Platz. Auch die Reiseberichte werden unter dem Bann dieser neuen
Einstellung verfaßt. In überschwenglichen Worten wird von den paradiezischen
 Zuständen auf den Südseeinseln gesprochen, die Charakterzüge
werden in den rosigsten Farben geschildert, wie z.B. von dem Dichter
Chamisso, der unter dem russischen Kapitän Kotzebue 1815—-18 eine
Weltumsegelung unternahm. Der Franzose Levaillant, der 1780—85 im
Inneren Südafrikas reiste, spricht von den „zauberischen Einöden“, die
noch nie ein Seufzer störte, noch niemals Tyrannei befleckte. Er ist gerührt,
als die Branntweinflasche unter den Hottentotten kreist, und ruft aus: „Voll
Bewunderung und Ehrfurcht, bis ins Innerste meiner Seele gerührt, warf
ich mich dem Anführer in die Arme“ usw.
Erneutes Interesse für die Fremdvölker greift also Platz, jetzt aber nicht
aus Begierde nach materiellen Schätzen, sondern man könnte sagen, nach
solchen der Seele. Man möchte ihrer vermuteten Glückseligkeit teilhaftig
werden.
Zweierlei fällt auf und ist von Bedeutung. Trotz dieser erneuten Beschäftigung
 mit den Fremdvölkern findet man so wenig wie im Zeitalter
der Entdeckungen die Menschentypen nach ihrer wirklichen Eigenart
bildlich dargestellt. Eigentlich beachtet man nur den Unterschied der
Hautfarbe und die Größe. In der Rousseau’schen Epoche wird der Rassetyp
 sogar nach dem Vorbild antiker Statuen idealisiert, die Kleidung wird im
            
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