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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Die Entstehung der Völkerkunde

Faltenwurf der Gewänder griechischer Götter wiedergegeben, volle Mannesund
 Frauengestalten stellt man in eine überquellende Uppigkeit der Natur.
Wegen dieser Naturnähe fing man damals an, von „Naturvölkern‘“ zu
sprechen, Ihre Sitten und Gebräuche erschienen als das Natürliche, das
dem Künstlichen, der Kultur, vorangegangen. war. Nannte man diese Völker
doch deshalb so, weil man meinte, daß sie der Natur näher ständen, und
„Natur‘“ war das große Schlagwort, das damals die Gemüter bewegte. Was
konnte man Besseres tun als etwa nach der Südsee fahren, Europas Tünche
von sich streifen und mit den „unschuldigen Naturkindern“ philosophische
Gespräche führen. Eine romantische Verklärung strebte hinweg von den
Schattenseiten des heimischen Lebens und malte sich jenseits der Wasser
in der Fremde und Weite ein besseres und schöneres Leben aus.
Freilich, immer wieder tauchen, unbeeinflußt durch Mode-Strömungen,
durch vorgefaßte Meinung, unbestechliche Persönlichkeiten auf, wie z. B.
die deutschen Naturforscher und Begleiter der Cook’schen Weltreisen im
18. Jahrhundert, Reinhold und Georg Forster, Vater und Sohn.
Seit der 2, Hälfte des 18. Jahrhunderts beginnen rein wissenschaftliche
Antriebe für Entdeckungsfahrten in den Vordergrund zu treten. Die Aufspeicherung
 des Wissens hat vor allem die Wandlungen des Lebens von
Erde, Pflanzen, Tieren und auch von Menschen erkennen lassen (PL. [29] 62).
Die Verschiedenheit der Menschenrassen fällt zum ersten mal auf und
wird jetzt in den Abbildungen festgehalten, ja, man vergleicht die Prognathie,
das schnauzenartige Vorspringen der Nasen- und Mundpartie bei Negern,
bereits mit den Schimpansen. Noch im 18. Jahrhundert — lange vor Darwin
— dehnt man den Entwicklungsgedanken auch auf das Geistige aus und
erblickte in den Kulturen der Fremdvölker Vorstufen der abendländischen
Kultur. Philosophische Spekulationen wurden, allerdings ohne das nötige
Beobachtungsmaterial, über die Anfangszustände der menschlichen Kultur
angestellt. Da jeder dieser Philosophen sich nur auf ungenaue Berichte
über ganz wenige Völker sehr verschiedener Art stützte, fielen die Denkergebnisse
 auch sehr einseitig aus. Es ist eine Methode, die auch heute leider
noch nicht ausgestorben ist. Voltaire kritisiert sehr glücklich Rousseaus
Auffassung von einem ursprünglichen isolierten Leben und betont die Bedeutung
 der Gesellung in Leben und Arbeit. .
In seiner wenig beachteten Anthropologie in pragmatischer Hinsicht faßte
Kant im Sinne des 18. Jahrhunderts die „Anthropologie“ als eine Beschreibung
 und Betrachtung des Menschen von seiner geistigen Seite auf
und dachte dabei an eine seelische Charakterologie oder differenzielle Psychologie,
 die sich auch auf Menschengruppen erstreckt. Dieses letzte von ihm
selbst (1798) herausgegebene Werk war die Frucht eines Kollegs, das er
20 Jahre lang gehalten hatte. Als er mit dem Kolleg begann, meinte er in
einem Brief an Marcus Herz, er wolle „aus der Anthropologie eine ordentliche
akademische Disziplin machen‘, und bemerkt weiter: „die Absicht, die ich
habe, ist, durch dieselbe die Quellen aller Wissenschaften, die der Sitten,
der Geschicklichkeit (wir würden heute sagen: „Technik“), des Umgangs
{entspricht dem, was man jetzt etwa unter „Soziologie“ versteht), der Methode,
            
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