Kritik
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weniger Stämme man innerhalb eines Gebietes berücksichtigt, um so leichter
sogenannte .„Kulturkreise‘“ zu konstruieren sind. Was soll man z. B. zu
dem sogenannten „sudanesischen‘“ Kulturkreis in Afrika sagen ? Dort haben
vielfache Überlagerungen von aus verschiedenen Richtungen eingedrungenen
Kulturen und. Wanderungen stattgefunden. Neben Völkern niedriger Zivilisation
leben solche verhältnismäßig hoher. Wenn die Anhänger der Kulturkreislehre
von der „Armut der Sudankultur“ sprechen, so greifen sie nur
einige Stämme dieses großen Gebietes willkürlich heraus, ohne die anderen
zu berücksichtigen. Zweifellos liegt hier das Bild eines Eindringens verschiedener
höherer Zivilisationen in das Gebiet von niedrigeren vor. Unter
den höheren Zivilisationen ist es keineswegs die jüngste Welle des Islams allein,
sondern wir haben es vor allem noch mit der berberischen und älteren ätiopischen
Strömungen zu tun (Schilde 149ff).
Bei der Aufstellung des sogenannten „mutterrechtlichen Zweiklassensystems“
unterlaufen andere Fehler. Zunächst erweckt der Ausdruck „Klasse“
die Meinung, es würde sich um verschiedene soziale Schichten handeln. Dies
ist aber nicht der Fall, sondern es stehen sich zwei Hälften eines Stammes
einander gleichberechtigt gegenüber, die in regelmäßige Heiratsbeziehung zu
einander treten, ohne daß von irgendeiner sozialen Schichtung dabei die
Rede sein könnte. Man wird daher richtiger von einem „Halbierungs-‘“ oder,
wenn man will, von einem „Verdoppelungssystem“ reden können. Dazu
kommt, daß dieses „Zweiklassensystem“ keinesfalls immer mutterrechtlich
ist, sondern mitunter auch, wie z. B. im südlichen Neu-Guinea oder in
Kalifornien, vaterrechtlich. Bei allen genaueren Darstellungen versagt das
Schema um so mehr, je eingehender die Untersuchung ausfällt. Dem konnten
sich auch die Schüler und Anhänger von P. W. Schmidt nicht entziehen, wie
aus verschiedenen Aufsätzen der Festschrift für P. W. Schmidt hervorgeht.
Es ist merkwürdig, daß die Schule, die sich „kulturhistorisch‘“ nennt, so
wenig den individuellen historischen Sondergestaltungen Rechnung trägt.
Dadurch, daß sie sich an den Schematismus der „Kulturkreise““ gebunden
hat, verbaute sie sich die Möglichkeit, den historischen Besonderheiten gebührend
Rechnung zu tragen.
c) Ist die Annahme einer weltweiten Verbreitung der aufgestellten Kulturkreise
berechtigt ?
Es wurde schon darauf hingewiesen, daß die Aufstellung von Kulturkreisen
gleichzeitig im Sinne eines Nacheinander gedacht ist. Daß in einzelnen
Ländern das geforderte hypothetische Nacheinander vorgekommen
sei, bedürfte natürlich erst genügender Beweise. Die Annahme der weltweiten
Verbreitung der aufgestellten Kulturkreise führt den vertriebenen
Evolutionsgedanken bei der anderen Tür als kulturhistorische Entwicklung
wieder herein. Der ganzen Frage der Entwicklung ist von den beiden Haupt-Trägern
der Kulturkreislehre, von Graebner und P. W. Schmidt, in ungenügender
Weise Rechnung getragen worden. Es ist bezeichnend, daß gerade
Pater Kreichgauer, der Bearbeiter des technischen Teiles des Schmidt;
Koppers’schen Werkes, am häufigsten den Ausdruck „Entwicklung“ gebraucht.