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Einleitung
Auffällig ist auch der stark hervorgekehrte Materialismus in dem Abschnitt
über die Wirtschaft der Urvölker. Die Rolle, welche zauberischen und abergläubischen
Gedankengängen und Maßnahmen in der primitiven Wirtschaft
zufällt, ist indessen außerordentlich groß und ihre Verwobenheit mit dem
sozialen Leben der Gemeinde, selbst mit den Heiratsordnungen, mannigfaltig.
Eben deswegen, weil die Ausführungen diesen so überaus wichtigen Faktoren
keine Rechnung tragen; muß man sie als materialistisch bezeichnen. Die Bedeutung
von Magie und Aberglauben ist überdies in ihrer Allgemeinheit allen
Kulturkreisen von Naturvölkern eigen, wenn sie auch im besonderen verschiedene
Färbungen und Varianten. erfährt.
d) Erschöpft die Untersuchung von Zusammenhängen, Beeinflussungen und
Wanderungen die Aufgaben völkerkundlicher Forschung ?
Es ist ein Zug beider Vertreter der Kulturkreislehre, daß sie über den Einteilungen,
über dem Versuch einer Typisierung die eigentlichen Probleme
der völkerkundlichen Forschung verlieren. Niemals werden die komplexen
historischen Erscheinungen irgendeines_ Stammes oder einer Gemieinde
dem Leser vorgeführt, und jede Analyse der Kultur und der kulturellen
Kräfte wird unterlassen. Wir erfahren niemals, wie und warum etwa Blutrache,
Asyl, wirtschaftlicher Kommunismus, Patriarchat, Altenherrschaft,
Kannibalismus, Menschenopfer, Häuptling- und Königtum, soziale Schichtung,
Kasten, Hörigkeit, Sklaverei usw. usw. entstanden oder vergangen
sind, in welchen Rahmen von Vorstellungen und sozialer Gestaltung sie
sich einfügen.
Nach dieser Richtung hin ist vielleicht am meisten von Lowie [20] gearbeitet
worden. Aber auch Lowie hat sich mit dem Entwicklungsproblem
nicht auseinandergesetzt, ja er geht in seiner sicher berechtigten Bekämpfung
von Morgan und Mac Lennan so weit, daß er alles, was nach stufenmäßigen
Unterschieden aussieht, verwirft. In ähnlicher Weise verfährt auch Goldenweiser
[24]. Schaltet man jedoch die Begriffe Fortschritt und Entwicklung
völlig aus, so darf man auch nicht von „primitiver‘“ Gesellschaft wie Lowie,
oder von „früher“ Zivilisation‘ wie Goldenweiser reden.
Alle Betrachtungen führen dazu, daß wir gewisse Gemeinsamkeiten in
den, historischen Schicksalen aus bestimmten Konstellationen herleiten,
also soziologisch verfahren, und weiterhin, daß wir diese Konstellationen
in ihrer psychologischen Bedingtheit und den daraus sich ergebenden
Abläufen erfassen, somit die sozial-psychologischen Grundlagen der Zivilisations-
und _Kulturvorgänge "ermitteln.
e) Worin besteht eine historische Forschung ?
Die Benennung der „kulturhistorischen‘“ Methode als „historisch“ ist
irreführend, da sie gerade nicht der historischen Einmaligkeit und Einzigkeit
Rechnung trägt, sondern, wie schon angedeutet, mit einigen wenigen
„Tests“ Schemata von Kulturschichten konstruiert, denen höchstens ein
typologischer Wert zukommt. Die Gestaltungen der Wirklichkeit sind aber
unendlich mannigfaltiger, als es die Vertreter der „kulturhistorischen‘“ Schule