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Full Text : Repräsentative Lebensbilder von Naturvölkern

Lage und Sinn der heutigen Völkerkunde i 19

man sowohl bei Graebner wie auch bei den orthodoxen Anhängern der kulturhistorischen
 Schule vergeblich fragen. Dazu kommt noch, daß sie die engeren
und weiteren Verbreitungsgebiete von Einrichtungen und Gegenständen,
die sich mit ihren herausgegriffenen Kriterien nicht verbinden lassen, einfach
ignorieren. Es sei etwa an die Verbreitung des Glaubens an den bösen
Blick, der Hand als Abwehrzeichen, des Zusammenhangs von Blutrache und
Asyl, des Gottesurteils usw. erinnert. Die Fragen der politischen Gestaltung
insbesondere werfen Probleme auf, denen die Kulturkreislehre und die kulturhistorische
 Methode in keiner Weise gewachsen sind.
Tatsächlich wenden beide Schulen eine Methode an, als ob wir es in der
Ethnologie mit Material zu tun hätten wie in der Vorgeschichte, und nicht
gerade den Vorteil besäßen, von den lebenden Menschen und der Fülle der
Phänomene unsere Kenntnisse vom menschlichen Leben unmittelbar zu
beziehen. Man kann sagen, daß beide Schulen mit Konstruktionen arbeiten,
die am Museumsmaterial ausgebildet sind, auf die sie nie verfallen wären,
wenn die beiden darin tonangebenden Persönlichkeiten wirklich einmal
Feldforschung getrieben hätten.
Man hat die beiden Schulen nicht mit Unrecht als „mythologisch“ in
dem Sinn bezeichnet, daß sie wie die alten Mythenbilder verfahren. Vielfach
hat die kulturhistorische Methode sich darauf berufen, daß sie in anderen
Ländern, z. B. in Amerika, Nachfolge gefunden hätte. Das ist jedoch irreführend.
 Das, was die Amerikaner als „cultural areas“ bezeichnen, ist etwas
durchaus anderes und der ganzen Methode nach von der kulturhistorischen
Methode verschiedenes (s. z. B. Kroeber, Wissler, Lowie).

$ 8. Lage und Sinn der heutigen Völkerkunde.
Dieser andeutungsweise historische Rückblick führt uns schließlich in
die heutige Zeit, und wir haben uns die Frage vorzulegen, wie steht es zur
Zeit mit der Völkerkunde, was haben wir von ihr zu erwarten, wo liegen
ihre Aufgaben und welche Wege sollen wir einschlagen ?
Damit treten wir in den positiven und aufbauenden Teil dieser Auseinandersetzungen
 ein.
Ist alles erledigt, wenn wir hören, wie die Leute in Neu-Guinea oder in
Afrika ihre Häuser bauen, ihre Trommeln schnitzen, ihre Pfeile ausstatten,
wie sie sich zum Tanze schmücken, welche Sitten und Gebräuche sie bei
der Hochzeit oder beim Begräbnis beobachten, welche Eheverbote sie haben,
was sie von dem Walten der Geister, von der Seele, vom Jenseits meinen,
welcherlei Zauberkünste sie üben, woran sie Vorbedeutungen ablesen und
dgl. mehr? Gewiß, exakte und verläßliche Beschreibungen, unbefangene
und genaue Beobachtungen bilden die Grundlage, auf der die Völkerkunde
 genau so aufbauen muß, wie etwa die Geschichte auf peinlich genauen
Untersuchungen von Denkmälern und Schriften, oder die Zoologie oder
Botanik auf Kenntnis und Beschreibung ihrer Objekte. Es ist weiterhin
notwendig, sich darüber zu orientieren, welche ähnlichen Gegenstände,

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