24.
Einleitung
nicht ins Gewicht. Wir müssen ihm unbedingt Rechnung tragen, wenngleich
wir uns bestreben, die positiv oder negativ geladene Egozentrizität des
Standpunktes, seinen „Optimismus“ oder „Pessimismus“, dadurch zu dämpfen,
daß wir eine möglichst weitreichende Veränderungskette mit allen ihren
Bedingtheiten und Verästelungen in den Vordergrund stellen. Damit gelangen
wir zur Erörterung der allgemeinen Bedingtheiten in der Gestaltung
und Abfolge der Kulturen, nicht nur zu dem Unternehmen einer Rekonstruktion
der Geschichte nach rückwärts, sondern auch dazu, aus den
Einzelvorgängen das Gemeinsame. an. sozial-psychologischem Gehalt zu gewinnen;
Hier scheidet sich wieder eine vergleichende Charakterkunde der
Menschheit, eine „„differenzielle Völkerpsychologie“ ab von den Zusammenfassungen
und Abstraktionen aus der Kleinarbeit, die uns auf induktivem
Wege eine Art von möglichst wertfreien Soziopsychogrammen, von
Volksbiographien ermöglichen, um aus der Fülle der „Gesellungspersönlichkeiten‘“
das sozial-psychologisch Gemeinsame abzuleiten. Es wäre
z. B. festzustellen, durch welche Faktoren das Verhältnis der Geschlechter
zueinander bestimmt wird, worauf sich der Einfluß in einer Gemeinde
gründet, der zu Führerschaft oder zu vergötterten Idealpersönlichkeiten
führt, indem man die Richtung des Strebens und der Wertungen ermittelt,
die Rolle der Gemeinde im System der Kulturen abgrenzt, den psychologischen
Ablauf einmal gegebener soziologischer Konstellationen untersucht,
die Bedeutung erforscht, die den persönlichen Auseinandersetzungen oder
Kämpfen je nach den Umständen zufällt, den Veränderungen nachgeht,
welchen die Einrichtungen der politischen Gemeinden, der Rechtsinstitutionen
und Sitten durch die sich wandelnde Geistesverfassung oder durch den
inneren Ablauf dieser Institutionen selbst unterworfen sind usw.
Das Entwicklungsproblem selbst aber darf weder im alten Sinne grob und
unterschiedslos angenommen werden, noch kann man es ohne weiteres
leugnen, wie im $ 7 angedeutet, vielmehr bedarf es einer analytischen Untersuchung.
Wir haben es nicht einzig und allein mit Entwicklungsvorgängen
zu tun. Die Entwicklung bildet nur eine Komponente in einem weitläufigen
Kräftespiel. Sie stellt einen nicht umkehrbaren Vorgang der Anhäufung
und Mehrung an Zivilisationsgut dar. Einen solchen Vorgang können wir
auf dem Gebiete der technischen Fertigkeiten, der Anhäufung des Wissens
und der Einsicht in die Bedingtheiten und ursächlichen Zusammenhänge
feststellen. Der Pflug ist ohne den Gebrauch der Hacke beim Hackbau,
letztere ohne den Grabstock nicht denkbar. Aber noch etwas anderes: Vor
den Pflug. wird der Ochse gespannt, somit bildet eine Voraussetzung des
mit dem Pflug betriebenen Ackerbaues auch die Zähmung von Tieren, vor
allem des Rindes. Der bloße Hackbau oder der Grabstockbau wird allein
durch die menschliche Arbeitskraft bewerkstelligt. Hier findet also eine
Häufung von Kenntnissen statt, und die folgende Technik ist ohne die:
vorherige undenkbar. Das ist Fortschritt. Gerade so wie die Dampfmaschine:
die Luftpumpe voraussetzt, die Flugmaschine die Konstruktion des Automobilmotors
usw. Eben wegen dieser Anhäufungen ist eine Umkehrung
solcher Prozesse nicht möglich.